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Lassalles Gewissensbisse
Genf, 4. August
Ich kann nicht anders, obgleich ich seit vierundzwanzig
Stunden dagegen ankämpfe, aber ich muß mich aus
weinen an der Brust meines besten und einzigen Freun
des. Ich bin so unglücklich, daß ich weine, seit fünfzehn
Jahren zum ersten Male! Was mich dabei noch zer
martert, ist das Verbrechen meiner Dummheit! Wie
konnte ich so beschränkt sein, auf HelenenS Wunsch nicht
einzugehen, sie ihren Eltern zurückzuliefern und loyal
um sie zu werben! Ich hätte den Besitzstand benützen
und mit ihr entfliehen sollen! Jetzt ist das Unglück da!
Sie ist unter vollständiger Sequestration und furcht
barster Mißhandlung. Ich weiß noch nicht, wie ich mich
ihrer bemächtigen werde, ob durch List, durch Gewalt.
Alles ist mir gleich. Sie wissen nicht, was sie leidet,
das edle Geschöpf! Ich fühle mich so steinunglücklich,
daß ich mich autorisiert fühle, Sie zu bitten, bloß zu
meinem Troste hierherzukommen. Sie sind ja doch die
einzige, die es weiß, was es heißt, wenn ich Eiserner
mich unter Tränen winde wie ein Wurm! Ob Sie mir
werden helfen können, weiß ich nicht. Aber trösten, etwas
beruhigen. Ich weiß zwar nicht einmal, ob Sie mich
noch hier finden, und wenn Sie im Momente des
Empfangs dieses Briefs abreisten. Denn alle Tage
kann das Bild wechseln, d. h. Helene von ihrem Vater,
wozu er Lust hat, irgendwohin geschickt werden. Aber
das ist doch nur eine sehr entfernte Möglichkeit. Träte
sie ein, so reise ich natürlich sofort ihr nach, aber im
selben Augenblick telegraphiere ich Ihnen nicht nur