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Selbst seinem besten Freunde gegenüber besitzt der
Mensch kleine Eitelkeiten. Ich schämte mich, meinem
Freunde W. zu gestehen: ich fühle das Bedürfnis, mich
anständig zu kleiden, so gut wie er, und nur die Grille
meines Vaters sei es, die mich zwinge, wie einen Gott
auch nur einen und noch dazu sehr schlechten Rock zu
haben.
Ich machte es also wie der Fuchs mit den
Trauben. Ich tat, als läge mir an Kleidung nicht das
geringste, und erheuchelte mir auf diese Weise einen
Zynismus, der meiner Seele nur allzu fremd ist. Ich
bin kein Geck, kein Modenarr, werde mich aber dereinst
stets auf das sorgfältigste kleiden. Kleider machen
Leute, ist einmal die Meinung des neunzehnten Jahr
hunderts. Und es ist töricht, wenn ein Mensch, der
von den Menschen abhängt und von ihnen leben will,
die Urteile und sogar die Vorurteile der Welt verhöhnt.
Verachten mag er sie, bespötteln im Innersten seines
Herzens, aber ihnen offen Trotz bieten — nein, bei
Gott nicht! Dann ist er ein Tor.
Es gewährt gewiß jedem einiges Vergnügen, wenn
er sich fein gekleidet im Spiegel betrachtet. Wer sich
aber um deswegen elegant kleidet/um sich im Spiegel
zu gefallen, ist ein Narr und ein^Geck. Anderen soll
meine Kleidung gefallen. Ich kleide mich schön um
anderer willen. Und mein Vater hat unrecht, wenn er
mir darin wehrt. Übrigens ist meine Garderobe so
miserabel, daß selbst Frau Direktor mir mehrmals gesagt
hat: „Wirklich, Lassal, wenn Ihnen nicht alles so nobel
stände, sähen Sie aus wie ein Lump."