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In seinen „Erinnerungen" (Cotta, 1917) zeichnet Paul Lindau
den Lassalle dieser letzten Jahre.
Lassalles Lebensgewohnheiten
Gleich unsere erste Begegnung war sehr gemütlich.
Er hatte von der Berwechslungsszene schon gehört, und
sie hatte ihm großen Spaß gemacht. Mit einer Wärme,
die mich überraschte, dankte er mir dafür, daß ich ihm
bei seiner ersten Rheinreise nicht mit gehässigen und
hämischen Bemerkungen, die er bei einer liberalen Zei
tung als selbstverständlich vorausgesetzt hatte, sondern
sogar mit unverhohlener Sympathie begegnet war. Wir
legten den Heimweg zu Fuß zurück. Wir sprachen über
alles mögliche, und unsere Unterhaltung hatte noch lange
kein Ende gefunden, als wir vor seinem Hotel am Karls
platz angekommen waren. Wir umschritten das Quadrat
des Platzes in lebhaftem Zwiegespräch wohl vier-, fünf
mal; das heißt: die Lebhaftigkeit war ganz auf seiner
Seite und das Gespräch auch. Es war eigentlich ein
Monolog: Lassalle sprach fast allein. Ich brauchte bloß
ab und zu ein Stichwort hinzuwerfen, um ihn sogleich
zu einem längeren, immer sehr interessanten und wohl
gefügten Vortrage zu veranlassen. Seine Gebärden
hatten etwas von südlicher Lebhaftigkeit. Er blieb oft
stehen und wechselte in seiner Rede öfter die Tonlage.
Er fing die Sätze in hoher Lage an und senkte die Stimme
gegen den Schluß zu wohltönendem Bariton. Man
hörte ihm an, daß er sich für den öffentlichen Vortrag
trainiert hatte. Er sprach sehr scharf und bemühte sich
sichtlich, wenn auch nicht immer mit vollem Erfolg,