Massenmord an Kindern des Proletariats. 99
gesichts der wahren Sachlage um der frevelhaften Ueber
treibung willen dein Verfasier jenes Artikels doch die Scham-
röthe ins Gesicht treiben müssen. Die geschilderten Zustände
enthüllen uns eine grauenhafte moralische Korruption
der Pariser Bevölkerung. Der „N. Social-Demokrat" gibt
diesem Nachtgemälde die Unterschrift „sociales Elend".
Er kann und darf nicht anders, da er ja die sittliche Hal
tung des Menschen als Quelle zahlreichen Elends, wie wir
oben gesehen haben, kurzwegleugnet. Die Noth und nur die
Noth trägt nach ihm an Allem die Schuld, an der Züchtungvon
Ammen im Arrondissement von Chinon nicht weniger, wie
an dem grausamen Handwert der Pariser „Engelmacherinnen."
Daher lauten die Schlußsätze: „Solange die äußerste Noth
„noch Mütter (die Mädchen von Chinon!) zwingt, die Ge-
„fühle der Natur hintenan zu setzen und den Kindern der
„Reichen die Pflege zuzuwenden, welche den eigenen Kindern
„gebührt, solange ist nicht durch Zwangsmaßregeln irgend
„etwas dagegen zu machen. Und nicht blos in Frankreich,
„auch in England, in Deutschland, in allen sogenannten
„Kulturländern springt uns derselbe Abscheu und Mitleid er-
„regende Zustand in die Augen — ein Massenmord, vcr-
„übt an unseligen Kindern des Proletariats!"
Also in Deutschland ebenso, wie in Frankreich! Auch
bei uns Ammenfabriken und gewerbsmäßige Engelmacherin
nen! Warum holt sich dann der Verfasser des Leitartikels
die Farben zu seinem Nachtgemälde aus weiter Ferne und
nicht aus unmittelbarer Nähe, wenn in allen Kulturländern
dieselben verpesteten Zustände vorhanden sind? Der Luft-
sprung nach Deutschland durste nicht unterbleiben, sonst wäre
der Schlußsatz, der die Pointe des Ganzen bildet, für die
deutschen Arbeiter effektlos geblieben: „Wen so herzzer-
„reißende Gräuel nicht bekehren von den Lehren der modernen
7»