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Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule
Der Einfluß Marshalls bekundet sich ferner in der be
sonderen Sorgfalt, welche Colson darauf verwendet, den Zu
sammenhang, die Kontinuität scheinbar voneinander unabhängiger
Fragen in helles Licht zu rücken. Dieselbe Inspiration tritt in
der Formulierung zutage, welche er dem Prinzip des kleinsten
Mittels gibt ; er führt nämlich den Begriff des Familieninteresses
des wirtschaftenden Individuums in dasselbe ein und formuliert
subjektiv: „Der Mensch ist beständig bestrebt, dasjenige, was er
für die größte Befriedigung seiner Bedürfnisse und derjenigen
seiner Familie hält, durch diejenigen Mittel zu erlangen, von
denen er glaubt, daß sie ihm am wenigsten Mühe machen“ 1 ).
In seiner Wert- und Preistheorie, die auf dem Tauschwerts
begriff Adam Smiths fußt, berücksichtigt Colson Leroy-
Beaulieus Gesetze der Substitution und betont mit Marshall
(dem er im übrigen die mathematische Darlegung dieses Ge
bietes entlehnt) die Bedeutung des Konsumentenüberschusses.
Insbesondere aber läßt sich Colson die Rettung von Ricardos
Rententheorie angelegen sein, und mit Bedauern stellt er fest,
daß diese von einem größeren Bruchteil der liberalen Schule
fallen gelassen worden sei 2 ).
*) Colson, Cours ¿'Economie politique, 2. Ausl., Bd. I, p. 33.
2 ) ibid. p. 328 ff. „Die pessimistischen Folgerungen, die man aus der
Rententheorie gezogen hat, folgen keineswegs notwendig aus ihr. Sie sind aus
schließlich einer übereilten Verallgemeinerung der in einer bestimmten Zeit und
in bestimmten Erdteilen gemachten Beobachtungen zu verdanken. Man hat den
Schülern Ricardos häufig vorgeworfen, sie hätten sich durch Mißbrauch theore
tischer Erwägungen irre führen lassen ; im Gegenteil, weil sie sich zu sehr auf
die Beobachtung stützten, haben sie sich schwer geirrt. Sie haben geglaubt, das
Rentengesetz werde immer die Wirkung haben, die sie in einem Augenblick, wo
die Bevölkerung rascher wuchs als die Produktionsmittel, vor ihren Augen sahen.
Hätten sie alle Folgerungen untersucht, die sich aus seiner (Ricardos) Theorie
ziehen lassen, so hätten sie gesehen, daß dieselben ganz andere sind, wenn die
Fortschritte der Technik und die Anhäufung der Kapitalien rascher wachsen
als die Bevölkerung. Die heutige Beobachtung von Erscheinungen, welche den von
ihnen (den Schülern) beobachteten, entgegengesetzt sind, bestätigt vollauf das Gesetz
Ricardos und bietet zugleich ein sprechendes Beispiel von der Gefahr, bei der
Beobachtung und der Induktion in den volkswirtschaftlichen Forschungen stehen
zu bleiben und nicht Hypothesen, die rein theoretisch scheinen mögen, zu unter
suchen und durch Räsonnement deren wahrscheinliche Folgerungen zu erforschen.
Um alle eventuellen Konsequenzen eines Gesetzes kennen zu lernen, genügt es
nicht, die Wirkung zu studieren, welche es in der Vergangenheit und Gegen-