Full text: Finanzwissenschaft

II. Abschnitt. Begriff und Geschichte der Staatshaushaltslehre. 23 
System hat der Physiokratismus gelegt. Sie betonen die Steuer- 
pflicht und stellen einzelne Steuerprinzipien auf‘). Aber auch in 
praktischer Beziehung ist das Auftreten dieser Schule von Bedeu- 
tung, denn ein großer Teil der neuen Ideen, namentlich aber die 
Einführung der Grundsteuer, als dem Grundpfeiler des Ertrags- 
steuersystems, führt auf sie zurück. Die Steuer sollte auf die Steuer- 
quelle, auf die Steuerkraft bezogen werden und darum wurden die 
direkten Steuern gegenüber den indirekten begünstigt. Uberhaupt 
war eigentlich die Reform des Staatshaushaltes der Zielpunkt ihrer 
Bestrebungen und der Anstoß ihrer Forschungen. Namentlich 
Turgot’s Bedeutung liegt vor allem darin, daß er als Finanz- 
minister Ludwigs XVI. das Steuersystem einer rücksichtslosen 
Kritik in höchst scharfen Ausdrücken unterwarf und diese Sprache 
dem Könige selbst in den Mund legte, wie ja auch Tocqueville 
sagt, „Turgot soll es gewesen sein, der eine solche Sprache dem 
Könige in den Mund legte“ ?). Die schreienden Mißstände des 
Steuersysems des ancien regime führten zu jenen Untersuchungen, 
aus welchen die Lehren des Physiokratismus hervorgingen. Seine 
Hauptlehre war, daß bloß die Landwirtschaft einen Reinertrag liefere. 
Da aber nur der Reinertrag zu den Zwecken der Besteuerung in 
Anspruch genommen werden darf und kann, da ferner der Pro- 
duktionsprozeß selbst durch Besteuerung nicht gestraft werden darf, 
so kann nur der Grund und Boden mit Steuern belastet werden. 
Aus demselben Grunde sind die indirekten Steuern zu verwerfen, 
denn sie stören die Produktion, den Verkehr, die Konsumtion. 
Wohl ist die Lehre von der ausschließlichen Wert- und Ertrags- 
quellennatur von Grund und Boden falsch, aber doch haben die 
Physiokraten durch ihre Lehre nach zwei Richtungen hin die Ent- 
wicklung der Zukunft festgesteckt; einmal, daß nach einem mög- 
lichst einfachen Steuersystem getrachtet werden muß, dann daß das 
Einkommen die einzige Macht zur Befriedigung der Bedürfnisse, 
also auch der Staatsbedürfnisse ist. 
6. Adam Smith. Die Betonung des innigen Zusammen- 
hanges von Nationalökonomie und Staatswirtschaft bildet eigentlich 
auch einen der Charakterzüge des Werkes von Adam Smith. 
Doch bleibt Smith nicht bei der Tatsache stehen, daß der Reichtum 
der Staatswirtschaft von dem Wohlstande des Volkes abhängt, 
sondern er betrachtet die Staatswirtschaft als eine Funktion der 
Volkswirtschaft und untersucht die Wechselwirkung beider Kreise 
ı Chormann, Finanzpolitische Aufklärungen der französischen Physio- 
raten (Finanzarchiv 1924, II. Bd., S. 309). 
2) Das alte Staatswesen. Leipzig 1857. 58. 212.
	        
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