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YI. Die Lehre des Buddha.
Woher kommt der Durst? Was ist die Ursache, daß wir immer
von neuem ihm verfallen? Wie ist es zu erklären, daß er uns
von Geburt zu Geburt treibt? Buddha ist der Beantwortung
dieser Fragen nicht ausgewichen. Schon in den ältesten Texten
finden wir die Antwort scharf formuliert, aber in dunkler, tech
nischer Sprache, die das Verständnis sehr schwierig macht. Diese
Formel führt den Namen Pratitz-asaiQutpaäa, Pali Patic-
casamuppäda, d. h. „Entstehen (eines Dinges) in Abhängig
keit (von einem andern)", also die Formel vom „Zusammenhang
von Ursache und Wirkung", vom „Kausalnexus". Diese Formel
ist eine der grundlegenden Lehren des Buddhismus und lvird
an Heiligkeit unmittelbar den vier edlen Wahrheiten angereiht,
mit denen sie zuweilen direkt verbunden ist. Sie lautet: „Aus
dem Nichtwissen entstehen die latenten Eindrücke; aus den laten
ten Eindrücken entsteht die Denksubstanz; aus der Denksubstanz
entsteht Name und Form; aus Name und Form entstehen die
sechs Organe; aus den sechs Organen entsteht Berührung; aus
der Berührung entsteht Empfindung; aus der Empfindung ent
steht Durst; aus dem Durst entsteht das Haften (an der Existenz);
aus dem Haften (an der Existenz) entsteht Werden; aus dem
Werden entsteht Geburt; aus der Geburt entsteht Alter und Tod,
Schmerz und Klagen, Leid, Kummer und Verzweiflung. Das ist
die Entstehung des ganzen Reiches des Leidens."
Gewöhnlich wird die Formel auch „rückwärts", d. h. negativ,
dieser positiven Fassung angereiht: „Wird aber das Nichtwissen
aufgehoben unter gänzlicher Vernichtung des Begehrens, so be
wirkt dies die Aufhebung der latenten Eindrücke; durch die Auf
hebung der latenten Eindrücke wird die Denksubstanz aufgehoben;
durch die Aushebung der Denksubstanz wird Name und Form
aufgehoben; durch Aufhebung von Name und Fornr werden die
sechs Organe aufgehoben; durch die Aufhebung der sechs Organe
wird die Berührung aufgehoben; durch Aufhebung der Berührung
wird die Empfindung aufgehoben; durch Aufhebung der Emp
findung wird der Durst aufgehoben; durch Aufhebung des Durstes
wird das Haften (an der Existenz) aufgehoben); durch Aufhebung
des Haftens (an der Existenz) wird das Werden aufgehoben;
durch Aufhebung des Werdens wird die Geburt aufgehoben;
durch Aufhebung der Geburt werden Alter und Tod, Schmerz
und Klagen, Leid, Kummer und Verzweiflung aufgehoben. Das
ist die Aufhebung des ganzen Reiches des Leidens."