Full text : Leben und Lehre des Buddha

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VI.  Die  Lehre  des  Buddha.

können  während  vieler  Existenzen  eines  Wesens  schlummern;  das
betreffende  Wesen  braucht  sich  ihrer  gar  nicht  bewußt  zu  sein.  Sie
haben  aber  Lebenskraft  und  treten  wieder  hervor,  wenn  die  Gelegenheit ­
  sich  bietet.  Sie  sind  die  latenten  Eindrücke,  die  Prädispositionen, ­
  die  die  Möglichkeit  zu  guten  und  schlechten  Taten
geben,  der  Antrieb  dazu  sind,  gleichsam  die  Bazillen,  die  sich  unter
bestimmten,  für  sie  günstigen  Bedingungen  entwickeln.  Solange
sich  also  solche  Samskäras  im  Geiste  befinden,  kann  er  nicht  zur
Ruhe  kommen.  Sie  müssen  daher  vertilgt  werden.  Das  geschieht,
wenn  der  Mensch  das  „Nichtwissen"  (Avidyä)  vernichtet.  Unter
„Nichtwissen"  verstehen  Sämkhya  und  Yoga  die  Unkenntnis  davon,
daß  Geist  und  Materie  etwas  voneinander  ganz  Verschiedenes
sind.  Erkennt  der  Mensch  dies,  so  schwindet  der  Irrtum.  Die
Verbindung  von  Geist  und  Körper  wird  gelöst,  es  tritt  der  Zustand ­
  des  „Alleinseins"  (Kaivalya),  der  „Erlösung"  (Mukti),
des  „Erlöschens"  (Nirvana)  ein.  Das  Nichtwissen  ist  also  die
Ursache  der  Lamskäras.  Genau  so  lehrt  der  Buddha.  Aber  sein
„Nichtwissen"  ist  ein  anderes.  Die  buddhistischen  Texte  lassen
keinen  Zweifel  daran,  was  Buddha  unter  „Nichtwissen"  verstanden
hat.  8ärixntra  sagt  einmal  in  einem  alten  Texte:  „Das  Leiden
nicht  kennen,  o  Freund,  die  Entstehung  des  Leidens  nicht  kennen,
die  Aufhebung  des  Leidens  nicht  kennen,  den  Weg  nicht  kennen,
der  zur  Aufhebung  des  Leidens  führt,  das,  o  Freund,  wird  „Nichtwissen" ­
  genannt."  Dasselbe  ergibt  sich  aus  anderen  Stellen.
„Nichtwissen"  ist  also  der  Mangel  der  Kenntnis  der  Lehre  Buddhas. ­
  Wer  sie  nicht  kennt,  kann  die  Samskäras  nicht  vernichten
und  damit  nicht  zur  Erlösung  gelangen.  Childers,  der  in  seinem
Diotionary  of  the  Pali  Language  (London  1875)  mehr  als
irgend  ein  anderer  das  Verständnis  der  technischen  Ausdrücke  des
Buddhismus  gefördert  hat,  hat  bereits  bemerkt,  daß  die  Samskäras ­
  hinüberleiten  auf  das  Gebiet  des  Kaiman,  Pali  Kammam,
  d.  h.  der  Handlungen  des  Menschen,  seiner  guten  und  bösen
Taten.  Wenn  von  früheren  Geburten  her  der  Geist  zum  Guten
oder  Bösen  prädisponiert  ist,  so  mußte  notwendig  die  Frage  entstehen, ­
  ob  denn  der  Mensch  aus  sich  heraus  etwas  tun  könne,  um
diese  Prädispositionen  zu  beeinstussen.  Darüber  gingen  die  Meinungen ­
  weit  auseinander.  Die  einen  behaupteten,  der  Mensch
könne  sein  Schicksal  durch  eigene  Tat  bestimmen,  die  andern  leugneten ­
  dies  (vgl.  oben  S.  14).  An  der  Spitze  der  Leugner  stand
zur  Zeit  Buddhas  Makkhali  Gosäla  oder,  wie  ihn  die  Nörd-
            
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