70 Viertes Kapitel. Grundlegung einer wirtschaftlichen Theorie des Geldes.
anders gestalten werde, als in den uns bekannten zwei letzten
Jahrtausenden.
Daß Gold nach menschlicher Berechnung der relativ
sicherste Besitz ist, diese Annahme ist daher doch nicht so
kindlich, wie die Anhänger moderner Geldlehren sie
hinstellen möchten. Absolut sicher ist nichts; aber Gold
scheint heute sicherer als Papier, unabhängiger vom
Bestehen des konkreten Staatswesens und seiner friedlichen
Wirtschaftsbeziehungen. Und die wirtschaftliche Logik ist in
sofern egoistisch und individualistisch, als sie ein Gut postu
liert, das womöglich selbst den Staat oder doch dessen zeit
liche Form überdauert b
Eines freilich haben wir zugestanden: Die Möglichkeit
partieller Entwertung scheint uns als logische Voraus-
1 Die wichtigsten Eigenschaften der Edelmetalle, die sie vom Papier
qualitativ unterscheiden und aus der Reihe der anderen Sachgüter als quan
titativ bevorzugt herausheben, sehen wir in ihrer Eignung zu Schmuck und
industrieller Verwendung und ihrer relativen Unzerstörbarkeit bei einer
gewissen, aber auch wieder nicht zu großen Seltenheit des Vorkommens.
I Dagegen ist ihr hoher Wert eine sekundäre Eigenschaft, die aus eben diesen
Grundqualitäten, sowie aus ihrer Eignung zur Geldfunktion sich herleitet.
Hier finden überall Wechselwirkungen statt:
Gold und Silber sind wertvoll auch deshalb, weil sie als Schmuck ver
wendet werden können; und sie werden auch deshalb als Schmuck ver
wendet, weil sie wertvoll sind. Sie sind wertvoll auch weil sie als Geld
dienen können; und sie können als Geld dienen auch weil sie wertvoll
sind. Sie haben internationale Geltung, weil sie mannigfache Verwendung
zulassen und Wert besitzen, und doch beruhen diese Verwendungsmöglich
keiten und dieser Wert wieder auf ihrer internationalen Geltung. Die
Menschen haben Vertrauen zum Edelmetall, weil es wertvoll ist, und es
wird wertvoller, weil man daran glaubt.
Diese Wechselwirkungen gelten heute, ln den Kern des Problems aber
führen erst die Fragen: Welche Wirkung überwiegt in jedem einzelnen
Falle? Welche Wirkung war die ursprüngliche? Welche wird in Zukunft
die entscheidende sein? Wer die Lehre von den Eigenschaften der Edel
metalle abstrakt zu Ende zu denken versucht, der gerät leicht in ein Laby
rinth, aus dem er nicht mehr herauskommt. Die Zirkel, zu denen das
Denken ihn führt, scheinen unlösbar, und gerade deshalb ist es erforder
lich, diese Lehre nicht zu abstrakt zu behandeln, sondern, wie wir es im
vorstehenden versucht haben, mit den Tatsachen der Geschichte und der
Gegenwart zu rechnen.