Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

1. Ideen über die Entstehung und die Entwickelung des Handels. 73 
mit dem gelernten und ungelernten Arbeiter auf einer Stufe, die kleinen Laden 
geschäfte mit dem Handwerker, die großen Ladengeschäfte rechnen zum höheren Mittel 
stände; ihre Tausende von Kommis und sonstigen Gehilfen gehören teils ihm, teils 
dem höheren Arbeiterstande an. Über all dem stehen die höhere Geschäftswelt, die 
Großhändler, die Direktoren und Leiter der Aktiengesellschaften, Kartelle, Banken und 
ähnlicher Geschäfte; sie bilden die Spitze der kaufmännischen Welt. Sie werden nicht 
mehr Fürsten, wie einst die Medici oder heute noch glückliche arabische Händler in 
Afrika, aber sie überragen an Reichtum, Macht und Einfluß doch da und dort alle 
anderen Kreise der Gesellschaft, beherrschen in einzelnen Staaten Regierung und Ver 
waltung nicht minder als einst in Karthago, Venedig und Florenz. Nur wo eine alte, 
starke Monarchie, eine gesunde und große Grundaristokratie, eine ausgebildete Heeres 
und Beamtenverfassung ist, existieren noch starke Gegengewichte, welche ihren mono 
polartigen Einfluß in der Volkswirtschaft und Gesetzgebung, sowie im Staatsleben im 
ganzen hemmen, ihren großen Gewinnen gewisse Schranken setzen. 
Die höhere Schicht der kaufmännischen Welt stützt sich auf ihren beweglichen 
Kapitalbesitz, wie die Grundaristokratie auf ihren Grundbesitz. Dieser Kapitalbesitz hat 
das Händlertum emporgehoben, feine Macht und seinen Einfluß gesteigert. Aber es ist 
eine sehr schiefe Auffassung, aus dem Kapital an sich alles heute abzuleiten, was Folge 
der technischen, geistigen und moralischen Eigenschaften der Kaufleute, was das Er 
gebnis ihrer Marktkenntnis und -beherrschung, ihrer Organisation, ihres teilweise vor 
handenen Monopolbesitzes der Geschäftsformen und Geschäftsgeheimnisse ist. Ihre 
Stellung in der modernen Volkswirtschaft hat man lange von der günstigsten Seite, 
neuerdings unter dem Eindrücke gewisser Mißbräuche und Entartungen, auch unter 
dem Einflüsse sozialistischer Theorien vielfach überwiegend zu ungünstig be- und ver 
urteilt. Gewiß kann der habsüchtige Handelsgeist entarten, in herrschsüchtiger Mono 
polstellung für Volkswirtschaft und Staat große Gefahren bringen. Aber nie sollte 
man dabei übersehen, daß die arbeitsteilige Ausbildung des Handelsstandes der 
Fortschritt ist, der unsere moderne Volks- und Weltwirtschaft wesentlich mit schaffen 
half. Und stets sollte man sich klar sein, daß dieser Handelsgeist, je nach den Menschen, 
ihren Gefühlen und Sitten, ihrer Moral und Rasse, etwas sehr Verschiedenes sein 
kann. Eine fortschreitende Versittlichung der Geschäftsformen kann die Auswüchse 
des egoistischen Handelsgeistes abschneiden; ein reeller Geschäftsverkehr, eine steigende 
Ehrlichkeit und Anständigkeit in Handel und Wandel kann Platz greifen; durch Staats 
und Kommunalbanken, durch Genossenschaften und Vereine, die wirtschaftliche Funk 
tionen übernehmen, teilweise auch durch das Aktienwesen und seine Beamten kommt 
in einen Teil des Geschäftslebens ein anderer, zugleich auf Gesamtinteressen gerichteter 
Geist. Die großen Organisationen der Industrie und der Landwirtschaft haben sich 
teilweise schon von der Vorherrschaft des Händlertums durch Kartelle und Genossen 
schaften zu befreien gesucht. Die Gefahren wucherischer und monopolistischer Aus 
beutung der übrigen Volksklassen und des Staates durch die Händler werden in 
dem Maße zurückgedrängt, wie das ganze Volk die modernen Handels- und Kredit 
formen erlernt und beherrscht. — 
Für das Verständnis der neueren politischen und volkswirtschaftlichen Ent 
wickelung der Kulturvölker ist es eine Erscheinung von größter Bedeutung, daß von 
den drei durch Arbeitsteilung entstandenen aristokratischen Gruppen der Gesell 
schaft die beiden ersteren, die Priester und Krieger, wenn nicht verschwunden, so 
doch ihrer Übermacht entkleidet sind; ihre Berufe dauern in wesentlich anderen 
gesellschaftlichen Formen heute fort. Wohl gibt es noch Staaten mit starker Priester- 
schaft; aber die höherzivilisierten, besonders die protestantischen, haben eine Geistlich 
keit, einen Lehrerstand ohne wirtschaftliche Vorrechte und Übermacht. Wohl gibt 
es noch Militärstaaten, wie Preußen, aber der Offiziersstand herrscht nicht, rekrutiert
	        
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