6. Der deutsche Kaufmann im Zeitalter der Perücke. 87
werden immer mehr die Mittelpunkte deutschen Lebens. Auch in der Entwickelungs
geschichte des deutschen Kaufmanns zeigt sich das in mehrfacher Beziehung. Zunächst
ging mit der Kraft des Bürgertums — den letzten Rest gab diesem der
Dreißigjährige Krieg, der andererseits die Stellung der zahlreichen deutschen Fürsten
noch mehr erhöhte, — der Unternehmungsgeist, die Tatkraft und die Unabhängig
keit des Kaufmanns verloren. Die immense wirtschaftliche Schädigung und
Zerstörung durch den Dreißigjährigen Krieg konnte zwar in den alten Mittelpunkten
des Handels die noch aus dem vorigen Jahrhundert stammenden materiellen Kräfte
nicht vollends untergraben: gewisse Grundlagen, an welche ein neuer Aufschwung
anknüpfen konnte, blieben durchaus bestehen. Ja, wenn man auf einen allgemein
herrschenden Wohlstand nach den im 17. Jahrhundert in fast allen Städten immer
wieder erlassenen Ordnungen gegen den allzugroßen Aufwand schließen dürfte, so
könnte von einem wirtschaftlichen Rückgang überhaupt nicht die Rede sein. Aber
dieser Luxus ist durch und durch krankhaft. Und wenn wir jene Ordnungen schon
im 16. Jahrhundert finden, so war damals eine gewisse Berechtigung zu solchem
Luxus noch vorhanden, jetzt zeugte er von Leichtsinn schlimmster Art. Immerhin
mochte der Kaufmannsstand an vielen Orten noch am ersten dazu die Mittel haben,
—- gerade gegen die vornehmen Kaufmannsfrauen richten sich z. B. die Kleider
ordnungen besonders — aber auch für ihn war alles andere eher am Platz als Ver
schwendung, die dann auch nur zu häufig zu finanziellem Ruin, zum Bankerott führte.
Aus solider, auf alten Reichtum gegründeter Pracht wurde bei vielen bald unsolider
Prunk. Dies Gefühl war denn auch wohl ein sehr wesentliches Motiv der Obrigkeiten
zu jenen Verboten. Leibniz glaubte noch Nürnberg als Muster der Verständigkeit
anführen zu dürfen: „Man sehe Nürnberg und einige wenige andere Städte an, ob
nicht darin noch die alten Trachten gelten, der meiste Luxus beschnitten und dies eine
große Ursache ihres noch dauernden Flores ist." 163? fand ein Franzose die Bürger
Hamburgs noch haushälterisch und sparsam, bald nach dem Kriege aber tadelt ein
Besucher ihre „Pracht, Üppigkeit und stolze Selbstüberhebung". Und in den achtziger
Jahren klagt der Bürgermeister der übrigens doch reichen und durch den Seehandel
hervorragenden Handelsstadt: „In Summa: Pracht und Hoffahrt nimmt zu, und im
Gegenteil nimmt Handel, Wandel und Nahrung leider sehr ab." Daß aber eben bei
niedergehenden wirtschaftlichen Verhältnissen doch der Luxus zunahm, das lag zum
größten Teil an dem Einfluß des höfischen Glanzes, der auf unsolidesten Grundlagen
und in verschwenderischster Weise von den Fürsten und Herren des Zeitalters der
Perücke entfaltet wurde. Was „bei Hofe" galt, das wurde das Ideal aller übrigen
Einwohner. Und so suchte der höhere Bürger, insbesondere der größere Kaufmann,
auch seinerseits das möglichste in äußerlichem Prunk zu leisten.
Das Äußerliche war überhaupt für diese Zeit entscheidend. Rang, Titel und
äußeres Benehmen gaben allein die Möglichkeit, dem ersehnten Eldorado, dem Hofe,
nahe zu kommen. Nicht darin erblickte der führende Teil des Bürgertums die Auf
gabe, die gesunkenen bürgerlichen Kräfte zu heben, nicht Selbstachtung und Stolz auf
seine Tätigkeit wohnte in ihm, sondern ein wahnwitziges Streben nach oben, eine
Sucht, eben nicht „bürgerlich" zu heißen und zu leben, sondern sich von dem Pöbel,
der Kanaille zu unterscheiden. Unter solchen Einflüssen mußte das Streben reicher
Kaufleute nach dem Adel in den Jahrzehnten nach dem Dreißigjährigen Kriege noch
außerordentlich zunehmen. Zu berücksichtigen ist dabei allerdings, daß in den großen
Handelsstädten eine hochfahrende Geschlechteraristokratie ja seit jeher bestand. Diese
Geschlechter wurden, in Nürnberg z. B., jetzt so exklusiv, daß sie den Handel, doch die
Grundlage ihrer ererbten Stellung, als unehrenhaft betrachteten. Anderswo aber
bildeten gerade die vornehmen Kaufleute den neuen Stadtadel, der sich fein Wappen
und seinen Adelsbrief jetzt leicht vom Kaiser holen konnte. Nach dem Dreißigjährigen