90 Zweiter Teil. Handel. III. Zur Geschichte von Handel und Industrie rc.
die Bewunderung Englands geltend, die dann im Beginn des 19. Jahrhunderts vy>.
zum Durchbruch kommt. Im Anschluß an Holland wird das erste große wirtschaft^
politische Experiment nach dem Dreißigjährigen Kriege gemacht: die Neugründu^"
Mannheims durch den Kurfürsten Karl Ludwig von der Pfalz. Als Vorort
Niederlande ist die neue Handelsmetropole des Oberrheins gedacht worden. H^
länder, Engländer und Franzosen zog der Kurfürst für diese Kolonie herbei; er verlft/
ihnen völlige Zollfreiheit und versprach ihnen, daß hier niemals eine Zunft eing^
richtet werden solle, daß jeder so frei wie in Holland handeln und wandeln dürf^
Er hat es in der Tat erreicht, daß binnen kurzem eine bedeutende Stadt, die in ihr^'
mathematischen Regelmäßigkeit den Zeitgenossen als Muster galt, erblühte. Dft
Unternehmung im großen Stile, selbst eine ganz moderne Bauspekulation ward ^
Mannheim herrschend. Sogar das Handwerk gestaltete sich hier zum Unterschied v^
allen deutschen Städten als Großbetrieb. Als man im 18. Jahrhundert, nachde^
Mannheim bereits eine müßige Residenzstadt geworden war, auch hier das Zunft,
wesen einführte, konnte man doch die erlaubte Gesellenzahl nicht unter sechs hera^
drücken. Die Tuchmacherei, von Nordfranzosen eingeführt, erlangte zuerst Bedeutung
Regelmäßige Postkurse reichten von Mannheim bis Sedan, das zugleich der Mittet,'
punkt des französischen Protestantismus und der französischen Tuchindustrie un^
und hielten die Geschäftsverbindungen aufrecht. Wichtiger noch ward die Umgesta^
tung des Ackerbaus durch die Einführung des Krapps und des Tabaks, die den Mann
heimer Industriellen zu danken ist. Es war ein reiches, geistig mannigfach angx,
regtes Leben, das sich dergestalt auf der Neckarspitze entfaltete, bis ihm die ernenn
Zerstörung Mannheims in dem Verwüstungskrieg Ludwigs XIV. ein jähes End?
bereitete, ohne doch völlig seinen Samen ausrotten zu können.
Die Erfolge Karl Ludwigs mußten zum Wetteifer reizen. Vielfach hat man siH
bemüht, nach dem Vorbild Mannheims solche Handels- und Jndustrieinseln her
zustellen. Die badischen Markgrafen haben wiederholt versucht, Pforzheim in diese
Richtung zu drängen. Freilich hätte man vergeblich das deutsche Bürgertum aus sich
heraus zu solcher Tätigkeit umgestaltet. Hierzu bedurfte es fremder Elemente.
den französischen Auswanderern, die dem Glaubensdrucke Ludwigs XIV. entflohen,
fand man sie. Es war schon viel, wenn man sich mit der Hoffnung tragen konnte^
daß sie gleich einem Sauerteig wirken, daß sie die träge Masse durchdringen und nach
ihrer Eigenart umwandeln würden. Diese Refugiös find es, welche den Samen der
modernen Großindustrie durch ganz Europa getragen haben; losgelöst von itjrern
heimischen Boden, auf die eigene Kraft und auf fürstliche Gnade gestützt, haben sie die
individuelle Wirtschaftsweise, die Ausbildung des Großkapitales, wohin sie auch
kamen, gefördert. Hierbei war ihre religiöse und nationale Isolierung — denn als
Reformierte standen sie doch stets den Lutheranern fern — ein weiterer Sporn des
Handelsgeistes und ein entschiedener Vorteil. Denn durch sie ward es den kleinen
Gemeinden zur Notwendigkeit gemacht, bei räumlicher Trennung ihren geistigen
Zusammenhang zu bewahren; und so stellte sich fast von selber ein Netz von Handels
verbindungen her, das über ganz Europa seine Maschen verbreitete. Freilich blieben
außer den Gewerbetreibenden in Mannheim fast nur die französischen Bauern dem
gefährdeten oberrheinischen Lande treu; aber immerhin hat in der großen Wanderung
der Refugiäs nach dem Osten Baden als Etappe seine Rolle gespielt.
Eine solche Neubelebung des städtischen Gewerbfleißes, wie sie den romanischen
Einwanderern zu danken war, genügte den Absichten nicht, um derentwillen man
die Industrie zu fördern gedachte. Im Gegenteil: wohin sie kamen, gerieten sie in
Widerspruch mit den ortsansässigen Bürgerschaften. Mißtrauisch und scheel sahen
diese auf den Fremden, der sie in ihrem Erwerb bedrohte und noch dazu von den