Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

92 Zweiter Teil. Handel. III. Zur Geschichte von Handel und Industrie rc. 
8. Frankfurt a. M. als Handelsplatz einst und jetzt. 
Von Hans Trumpler. 
Trumpler, Festrede [bei der Hundertjahr-Feier der Handelskammer zu Frankfurt 
a. M- am 7. und 8. Mai 1908s. In: Mitteilungen der Handelskammer Frankfurt a. A 
Herausgegeben von Trumpler. 31. Jahrgang. Frankfurt a. M., Juni 1908. S. 94—99. 
Der Blick des Kaufmanns ist vorwärts gerichtet; ihm gilt nicht, was war, 
sondern was ist, was sein wird. Wohl aber ziemt es sich an einem Tage wie der^ 
heutigen, für einen Augenblick wenigstens das Bild der Vergangenheit festzuhalten, 
die lange Entwicklung der Ereignisse zu überblicken, aus denen uns die Gegenwart 
erwuchs. 
Hundert Jahre trennen uns von dem Tage, da unweit von hier im Thurn- unh 
Taxisfchen Palais die Gründung der Handelskammer festlich begangen wurde. Die 
Entstehungsgeschichte unserer Handelsvertretung führt uns aber noch weiter zurüH 
in die Vergangenheit bis in die Zeit, da der Großhandel in Frankfurt überhaupt ent 
stand. Hochberühmt waren schon seit Ausgang des Mittelalters die Frankfurter 
Messen. Martin Luther sagte von ihnen: „Wie viel Gold fressen die Frankfurter 
Meflen, da in einer jeglichen, wie gesagt wird, an die 300 000 Gulden aus Deutsch 
land hinweggeführet werden". Kaufleute von allen Ländern und Nationen strömten 
hier zusammen. Aber es waren fremde Kaufleute; wenn das Geläute der Glocken 
das Ende der Messen ankündigte, zogen sie wieder in ihre Heimat, und Frankfurt 
sank zu dem beschaulichen Dasein eines kleingewerblichen und agrarischen Gemein 
wesens zurück. Dies änderte sich im Laufe des 16. Jahrhunderts, als niederlän 
dische und französische Kaufleute, um ihres Glaubens willen aus ihrem 
Vaterlands vertrieben, in Frankfurt eine neue Heimat fanden. Nachkommen dieser 
Familien sehen wir heute noch in unserer Mitte, wie die de Neufville, de Vary, 
du Fay, Passavant, Gontard u. a. Diese Einwanderer verpflanzten den Groß 
handel, insbesondere das Wechsel- und Speditionsgeschäft nach Frankfurt. Beide 
Geschäftsarten waren miteinander eng verbunden. Denn der Spediteur wurde zum 
Bankier, indem er die Waren bevorschußte und für seine Forderungen Wechsel auf 
ausländische Plätze erwarb. Er wurde auch zum Kommissionär, indem er an den 
auswärtigen Plätzen für fremde Rechnung Waren kaufte und verkaufte. Darum 
finden wir bei den meisten Geschäften der damaligen Zeit die Firma „Wechsel, Spe 
dition und Kommission". So begann seit Ende des 16. Jahrhunderts das Börsen- 
und Bankgeschäft in Frankfurt rasch emporzublühen; noch heute besteht eine Reihe 
von Firmen, wie Johann Mertens, D. & I. de Neufville, B. Metzler feel. 
Sohn & Co., Johann Goll & Sne.. die dieser ältesten Epoche angehören. 
Auf diese Zeit geht auch die Entstehung der Frankfurter Börse 
zurück. Schon im 16. Jahrhundert fanden regelmäßige Kaufleute-Bersammlungen 
statt. Im Jahre 1605 tritt hierfür zuerst der Name „Börse" auf. Die Börse wurde 
damals auf dem freien Platz vor dem Römer abgehalten. Ende des 17. Jahr 
hunderts mieteten die Kaufleute zu diesem Zweck einen Saal im Hause Braunfels 
am Liebfrauenberg für den Betrag von 100 Reichstalern jährlich. Damit war die 
Einrichtung einer Börsenverwaltungsbehörde, der Börsenvorsteher, notwendig ge 
worden. Diese erhoben Beiträge von den Börsenkaufleuten. Es waren damals etwa 
75 an Zahl; sie stellten einen „Börsenknecht" an, der ein Gehalt von 12 Reichs 
talern pro Jahr bezog. Im Jahre 1707 wandelten sich die Börsenvorsteher aus einer 
bloßen Verwaltungsbehörde in eine offizielle Handelsvertretung um unter dem 
Namen „Deputierte der Kaufmannschaft". Das Kollegium setzte sich 
zusammen aus 8 Kaufleuten, 4 evangelischen, den einheimischen Familien entstam-
	        
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