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Zweiter Teil. Handel. IV. Handelskrisen.
zwiebel für 500 fl. gekauft. Kurz darauf brachte ihm ein Bootsmann fremde Waren.
Er ließ dem letzteren einen frischen Hering und eine Kanne Bier reichen. Der Schiffer
sah die teuere Zwiebel liegen, glaubte, es fei eine gemeine, schälte und verspeiste sie
zu dem Hering. Dieser Mißgriff kostete dem Kaufmann mehr, als wenn er den
Prinzen von Oranien traktiert hätte.
Ein Engländer fand in einem Garten ein paar Tulpenzwiebeln und steckte die
selben zu sich, um naturwissenschaftliche Beobachtungen an denselben zu machen; aber
er wurde als Dieb verklagt und muhte endlich eine große Rechnung bezahlen.
Der Schwindel hatte bald ein trauriges Ende. Im Jahre 1637 trat der plötzliche
ilmfchwung ein. Die Panik kam, das Vertrauen verschwand; Kontrakte wurden ge
brochen, Exekutionen wurden in jeder Stadt Hollands angekündigt. Die Träume
von unermeßlichem Reichtum waren verschwunden, und diejenigen, welche sich eine
Woche zuvor noch des Besitzes von ein paar Tulpen erfreuten, deren Realisierung
ihnen ein fürstliches Vermögen eingebracht haben würde, blickten traurig und verblüfft
auf die erbärmlichen Knollen hin, die vor ihnen lagen und, wertlos in sich selbst,
zu keinem Preis mehr zu verkaufen waren.
Um den Schlag abzuwenden, beriefen die Tulpenhändler öffentliche Versamm
lungen und hielten prächtige Reden, in welchen sie bewiesen, daß ihre Ware so viel
wert sei als jemals, und daß der panische Schrecken unsinnig und ungerecht sei. Die
Reden brachten großen Applaus hervor, aber die Knolle blieb wertlos, und obgleich
mit Klagen wegen Kontraktsbruchs gedroht wurde, so hatten diese doch keine Folge,
weil die Gerichte sich weigerten, von Spielgeschäften Notiz zu nehmen. Sogar die
Weisheit der Generalstaaten in Haag wurde in Anspruch genommen, allein auch sie
konnte nicht helfen, wie es überhaupt nicht in der Macht der Regierung lag, ein
Heilmittel für das Übel zu finden.
Viele Jahre vergingen, bis das Land sich von diesem Schlag wieder erholte, und
bis der Handel von den Wunden wieder genas, welche die Tulpenmanie ihm ge
schlagen hatte, eine Manie, die sich nicht bloß auf Holland beschränkte, sondern bis nach
London und Paris sich erstreckte und in den zwei größten Hauptstädten der Welt
der Tulpe einen erdichteten Wert beigelegt hatte, den sie in Wirklichkeit niemals
befaß.
2. Die Handelskrisis von 1857.
Von Albert Schäffle.
S ch ä f f l e, Die Handelskrisis von 1857 in Hamburg mit besonderer Rücksicht auf das
Bankwesen. In: Gesammelte Aufsätze. 2. Bd. Tübingen, H. Laupp, 1886- S. 61—66.
Nach Beschwichtigung der Wellen der politischen Bewegungen (1848—1851)
warf man sich mit Hast auf alle Zweige des wirtschaftlichen Erwerbes, die Industrie
und den Verkehr (Eisenbahnen rc.), auf alle Zweige der Produktion durch Grün
dung neuer Unternehmungen, Umbildung und Vergrößerung der alten, endlich aus
den Vertrieb der durch Verkehrs- und Produktionsvermehrung unendlich gesteigerten
Warenmenge. Die Gleichgewichtsstörung zwischen verfügbarem und wirklich not
wendigem Kapital machte sich bald fühlbar. Die Börse beschwerte eine ungeheuere
Masse sog. Zukunftswerte aus Unternehmungen, die erst halb fertig waren und so
schnell nicht reif werden konnten, daher die vom Sommer 1856 bis Ende 1857
dauernde chronische Börsenkrisis sich einstellte. Das sowohl durch Masse der Produktion
als durch künstliche Überteuerung aller Waren gestörte Gleichgewicht zwischen An
gebot und Nachfrage im Handel fand seine Wiederherstellung später, aber so plötzlich,