3. Der „große Börsenkrach" im Jahre 1873.
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stellt er der wirtschaftlichen Freiheit die praktische Intelligenz, der Selbstverantwort
lichkeit die praktische Freiheit, sichert er sowohl die mannigfaltigste Entwicklung als
die allgemeinste Kontrolle. Dem Auge der wirtschaftlichen Öffentlichkeit Tausende
von Fazetten und immer schärfere Spiegelflächen anzuschleifen, ist eine Aufgabe der
Gesetzgebung, deren Lösung den Fortschritt regeln und die wirtschaftliche Selbst
beherrschung allgemein machen kann. Einseitige Beschränkungen verkrüppeln nur
den Fortschritt, gewerbliche Staatsaufsicht und Staatsintervention, eine das Korrelat
der andern, treiben den Mißbrauch nur auf unverfolgbare Abwege, untergraben
die freie Mäßigung, stumpfen die wirtschaftliche Selbstbeherrschung, die geschäftliche
Sittlichkeit, die Solidität ab und setzen den Affentrieb der Nachahmung und des
Schlendrians an die Stelle der einzeln erwägenden Vorsicht.
3. Der „große Börsenkrach" im Jahre 1873.
Von Albert Schäffle.
Schäffle, Der „große Börsenkrach" des Jahres 1873. In: Gesammelte Aufsätze.
2- Bd. Tübingen, H. Laupp, 1886. S. 67, S. 96, S. 98—103, S. 111—113 und S. 116.
Im Mai des Jahres 1873 brach endlich das Strafgericht über ein Schwindel
treiben herein, wie es seit den Lawschen Orgien der nie Quincampoix*) nicht er
lebt worden war.
Fünf Jahre lang, besonders aber im Jahre 1872 und noch zu Beginn des
Jahres 1873, hatte es geschienen, als ob die Bäume der Spekulation wirklich in
den Himmel wachsen sollten. An fast allen großen Börsenplätzen hatte der Aktien
schwindel einen seit Law nicht dagewesenen Umfang und Zynismus erreicht. Aber
nirgends hat, bis jetzt wenigstens, der tolle Tanz um das goldene Kalb mit solchem
Schrecken ein Ende genommen wie in Wien.
Es ist schwer, zu bestimmen, von welchem Tage der „große Krach" zu datieren
ist, ob schon vom 5. oder erst vom 9. Mai an.
Am 9. Mai kam der Mechanismus.der Börse zum völligen Stillstand und der
furchtbare Ernst der Lage zum allgemeinen Bewußtsein.
Allein schon am 5. Mai hatte der ganze Boden der Börse wie in einem Erd
beben erzittert. Verfasser, damals gerade in Wien anwesend, hörte schon an diesem
Tage von urteilsfähigster Seite den furchtbarsten Zusammenbruch als unvermeidlich
bezeichnen. Sehr gut beschreibt der „Österreichische Ökonomist" den Zustand und Ver
lauf der Wiener Börse am 5., 6. und 7., dann am 9. und 10. Mai: „Wenn auch
^icht ohne Bangigkeit und Unruhe, so doch nichts weniger als eines Überfalles
gewärtig, trat die Börse den denkwürdigen 5. Mai des Jahres des Krachs an. Die
Kurse von Berlin und Frankfurt waren sogar höher eingetroffen, und am Morgen
gab man sich in Kulissenkreisen einer zuverläßlichen Stimmung hin. Überall die
Proiongationsschwierigkeit, das Drängen der Kostnehmer, die Rücknahme der ver
pfändeten Papiere zu beschleunigen, der tolle Lärm der Arrangeure, Kassiere und
^kontisten, welche nichts als Meldungen von falschen Händen, nicht übernommenen
Effekten und Wirrnissen in der Differenzrechnung zu machen hatten! Alles das ver-
. b dem Tage etwas unbeschreiblich Unheimliches". Und merkwürdigerweise trat
ganz unerwarteter Anlaß auf, von dem man am wenigsten gedacht hatte, daß er
MlZusgegeben von»Conrad, Elster, Lexis, Loening. 3. Aufl. 6. Bd. Jena, Gustav Fischer,
1910. S. 417—421. — G. M, 8
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