Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

140 Zweiter Teil. Handel. VI. Handlungsgehilfe und Handlungslehrling. 
wissenhaft, durch strenge Erfüllung deiner Pflichten, durch reinen Willen und reinen 
Wandel. 
Du mußt das dir anvertraute Geschäft deines Lehrherrn wie dein eigenes ver 
walten. Du mußt in allem, was deinem Herrn gehört, betreffe es fein Geld, feine 
Ware, seinen Kredit, so verfahren, als gingst du darauf aus, für dich zu mehren. 
Für fremdes Gut, in Verwahrung deines Herrn, sollst du wie für deines Herrn 
Eigentum sorgen. Seine Handelsfreunde sollst du wie die deinigen behandeln; durch 
dein Bemühen muß ihre Zahl sich mehren. Du sollst nicht murren, wenn Menschen 
deine Geduld prüfen, deren Gunst der Handlung nützen könnte. Ohne Heuchelei 
sollst du höflich und bescheiden, zuvorkommend und willig gegen jedermann sein. 
Laß dich in allem vom Gesetz der strengsten Gewissenhaftigkeit leiten, und meide 
auch den Schein des Unrechts; darum verhehle nicht, was du Unrechtes siehest, und 
füge dich gern in die verständige Anordnung, während deiner Lehrjahre kein Geld 
in der Tasche zu tragen. Auch dein Umgang soll sich hiernach richten; erregt er 
Verdacht, so bist du um Vertrauen und Ehre. Ein jedes Geschäft muß, so redlich 
es auch fei, als ein Geheimnis des Hauses betrachtet werden. Merke das wohl. 
2. Gedanken über die Ausbildung des jungen Kaufmanns. 
Von Richard Stegemann. 
Stegemann, Kaufmännisches Bildungswefen. In: Referate über die akademischen 
Kurse für junge Kaufleute. (Beilage zu den „Mitteilungen aus der Handelskammer Frank 
furt a. M.", Juni-Nummer 1901.) jS. 1 und S. 2—4.] 
Es ist merkwürdig, daß in einer Zeit, wo sich unser Handel numerisch so stark 
entwickelt, wo er sich mehr und mehr differenziert, d. h. in Spezialbranchen auflöst, 
und wo andrerseits auch im Detailhandel eine Art kapitalistische Entwickelung mit 
durchgeführter Arbeitsteilung sich vollzieht, allenthalben ein Mahnruf ertönt, der 
bessere Vorbildung für unseren Kaufmannsstand fordert. Der Grund dieser auf 
fallenden Tatsache ist wohl darin zu erblicken, daß man trotz der numerisch günstigen ' 
Entwickelung unseres Kleinhandels der Weiterentwickelung der Verhältnisse doch nicht 
ohne einige Sorge entgegensieht. Tatsächlich befindet sich der Handel, und zwar in 
allen seinen Teilen, heute in einer ungleich schwierigeren Lage als früher. Die 
Fabrikanten suchen unter Umgehung des Großhandels ihre Waren direkt an den 
Konsumenten und Kleinhändler abzugeben. Die ausländischen Jmporthäuser um 
gehen ihrerseits den Exporteur, indem sie direkte Beziehungen mit dem Fabrikanten 
suchen, und wenn sie wirklich den Exporteur oder Kommissionär benützen, so sind 
sie leicht geneigt, diesem bestimmte Preise vorzuschreiben, über die erschwerte Lage 
unseres Geldkaufmanns brauche ich kaum etwas Näheres anzuführen, und es ist 
auch kaum nötig, zu erwähnen, daß eine große Anzahl unserer Detaillisten unter 
dem Andrängen von verschiedenen Seiten sich beengt, ja zum Teil sogar gefährdet 
sieht. Es ist gewiß auffallend, daß in einer Zeit der steigenden Arbeitsteilung die 
Funktionen des Handels sich wenigstens in einigen Teilen zu verflüchtigen drohen, 
daß die Konsumenten sich selbst zu Trägern des Einkaufes und Verkaufes machen und 
den Beweis zu erbringen versuchen, daß es ohne Handel eigentlich besser gehe. 
Das sind Symptome einer tiefgehenden, inneren Entwickelung des Handels, die man 
nüchtern beurteilen muß, denn derartige Verschiebungen haben stets ihre tieferen 
Ursachen. Wir müssen aber auch damit rechnen, daß solche Krisen die inneren Kräfte 
einer Erwerbsgruppe zu befestigen und die schlummernden oder zum Schlummer ge 
neigten Kräfte zur Selbstanspannung aufzuwecken geeignet sind. Wir sehen, daß
	        
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