150 Zweiter Teil. Handel. VI. Handlungsgehilfe und Handlungslehrling.
den Zeigefinger. Dieser Wunsch wurde erfüllt. Nur durch persönliche Einwirkungen
lassen sich solche Erfolge erzielen, und der Charakter des deutschen Reisenden mit seiner
Ausdauer, Willenskraft, seinem leichten Anpassungsvermögen, seiner Umsicht und
Gewandtheit, seinem eminenten Sprachtalent sichert uns diese Erfolge auch für die
Zukunft!
Der deutsche Reisende ist wieder der Pionier der Kultur geworden! Der par-
tikularistische, philisterhafte Musterreiter am Beginn des vorigen Jahrhunderts hat
sich in den großdenkenden, weithorizontigen Weltreisenden verwandelt. Leicht
wird ihm das Leben nicht da draußen. Ich erhielt von einem unserer
Mitglieder kürzlich einen Brief, der von den Strapazen und Mißhelligkeiten der
deutschen Auslandsreisenden spricht. Da heißt es: „Sie können sich natürlich kein Bild
von einem Coupö in Tunesien und Algerien machen. Ein Gewimmel von weißen
Burnus, hellfarbigen Turbans, von Schleiern, Käppis, großen, breitrandigen Schlapp
hüten, von Gesichtern in allen Farben, braun, bräunlich, schwarz, gelb, weiß. Über
allem diesem schwebt ein widerlicher Geruch von Anis und Orangeschalen, vermischt
mit der eigentümlichen Ausdünstung der Eingeborenen, welche in ihren häßlichen
Kehllauten unaufhörlich schwatzen oder schmatzend mit ihren phänomenalen Kinn
backen die Schoten des Iohannisbrotbaumes zermalmen. Ein Reger mit wulstigen
Lippen spuckt zum Zeitvertreib im Coupä nach allen möglichen Zielen herum, — kurz,
ich kann Ihnen versichern, daß Sie dort von Leipzig nach Dresden selbst dritter Güte
bequemer fahren, als ich hier zwischen Oran und Algier!" Aber der deutsche Reisende
ist von Mut und Unerschrockenheit beseelt, seitdem er auch draußen im Dienste seines
Baterlandes steht. „Das hält er fest mit seinen ganzen Händen." Seine kosmopoli
tische Gesinnung findet ihre Schranke an der Liebe zum Vaterlande, die in ihm unaus
löschlich ist. Er hat sich heute auch eine höhere soziale Stellung errungen und wird
in den weitesten Kreisen als Kulturträger hochgeschätzt.
Die großen Erfindungen des Jahrhunderts sind dem Handel zugute gekommen.
Es wäre undankbar, heute zu sagen, daß das Verkehrswesen noch eine gänzlich offene
Frage wäre. Unsere Verkehrskommissionen aber haben einen großen Anteil an der
Hebung des deutschen Verkehrswesens gehabt. Und auch die soziale Lage des Rei
senden ist heute eine andere geworden. Nicht mehr zerstreut irrt er einher, sondern
vereint, verbrüdert in unserem Verbände reisender Kauf
leute Deutschlands. Die Wiederherstellung der deutschen Einigkeit schuf den
Boden für schöne soziale Früchte. Und eine dieser Früchte, auf nationalem Felde
gediehen, ist unser Verband. Die Einigkeit, die das Reich wiedererstehen ließ, hat
auch ihn geformt und gebildet.
Unter dem Schutze eines neuen, allen sozialen Anforderungen entsprechenden
Handelsrechtes, an dessen Zustandekommen der Verband selbst mitgearbeitet hat,
kämpfen unsere Mitglieder für die Ehre und Macht des deutschen Handels, der deut
schen Kultur, des Deutschen Reiches in einer sturmbewegten, konkurrenzreichen Zeit.
Mancher verwünscht diese Zeit der nervösen Hast. Aber in schönen Worten hat
Handelskammersekretär Dr. Gensel einmal gesagt: „Es ist ein unaufhörliches
Werden und Vergehen, aber was einmal vergangen ist, kehrt nicht wieder. Altes
Wiederaufleben zu lassen, ist ein eitles Bemühen. Jede Zeit ist eine neue Zeit mit
neuen Anschauungen, neuen Bedürfnissen, neuen Idealen, neuen Aufgaben. Wir
werden nicht gefragt, ob sie uns gefällt, unsere Pflicht ist es, sie verstehen zu lernen."
Lernen wir sie verstehen, dann werden wir nicht mehr von der guten alten Zeit faseln,
sondern von der neuen guten Zeit reden. Wir stehen an der Wende vom nationalen
zum internationalen Handel. Das natürliche Fortschreiten der Kultur brachte diesen
Entwickelungsgang mit sich, das Fortschreiten vom Kleinen zum Großen, vom häus
lichen Herde zum Weltmarkt, vom einfachen Betrieb zum Weltverkehr, vom Landes-