Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

152 Zweiter Teil. Handel. VI. Handlungsgehilfe und Handlungslehrling. 
Organisationsform nach englischem Muster in Deutschland ein. Aber sei es, daß er 
sich zu eng an die englischen Vorbilder anlehnte und den deutschen Verhältnissen zu 
wenig Rechnung trug, sei es, daß andere Gründe vorlagen, jedenfalls konnte der 
Verein lange Zeit außerhalb Berlins nicht recht Boden gewinnen. Erft nach und 
nach gelang es ihm, Mitglieder in bemerkenswerter Zahl um sein Banner zu scharen. 
Neuerdings nimmt er auch Handlungsgehilfinnen auf, deren Aufnahme alle anderen 
größeren bürgerlichen kaufmännischen Verbände ablehnen. Trotz alledem steht der 
Verein an Größe und Einfluß weit hinter dem 58er Verein und den übrigen großen 
Verbänden zurück. Seine Mitgliederzahl beträgt annähernd 20 000. 
Weitaus rascher sollte sich der Verband Deutscher Handlungsge 
hülfen zu Leipzig entwickeln, der im Jahre 1881 aus dem Ortsverein Leipzig des 
vorhin genannten Vereins der Deutschen Kaufleute entstand. Er verzichtete von vorn 
herein auf die schwerfällige Form der Hirsch-Dunckerschen Organisationen und trug 
auch sonst, zumal in den ersten Jahren seines Bestehens, den Bedürfnissen der moder 
nen Zeit mehr Rechnung als irgendein anderer damals bestehender kaufmännischer 
Verein. Sein Begründer, Herr Georg Hiller, gab von Frühjahr 1881 an die 
erste Fachzeitschrift für Kaufleute unter dem Titel „Kaufmännische Blätter" heraus. 
Es lag damals auf der Hand, daß sich ein kaufmännnischer Verein mit allem Nachdruck 
der Stellenvermittlung widmen müßte. Natürlich tat das auch der Verband Deutscher 
Handlungsgehülfen. Er mußte dabei aber auch die Erfahrung machen, daß es feine 
Schwierigkeiten hat, die Stellenvermittlung auszudehnen und gleichzeitig die Interessen 
der Handlungsgehilfen auch da zu betonen, wo sie nicht mit den Interessen der 
Prinzipalität übereinstimmen. Er sah sich bald vor die Notwendigkeit gestellt, ent 
weder auf die Unterstützung mancher Prinzipale, nicht nur in bezug auf die Stellen 
vermittlung, sondern auch in bezug auf die Kasseneinrichtungen, verzichten zu müssen 
oder sich bei der Betonung der sozialpolitischen Forderungen der Gehilfenschaft eine 
größere Reserve aufzuerlegen. Der Verein wählte in den Jahren 1883 und 1881 
den letzteren Weg. Aus dem Organ, das erst als Untertitel die Bezeichnung „Fach 
zeitschrift für Kaufleute, insbesondere für die Interessen der Handlungsge 
hilfen" getragen hatte, wurde 1883 eine „Fach- und Zeitschrift für den gesamten 
Kaufmannsstand und für die Interessen der Handlungsgehilfen" und schließlich eine 
„Fachzeitschrift für Kaufleute". Gleich nachher, am 26. Juni 1885 wurden auch, dieser 
Wandlung entsprechend, die sozialpolitischen Forderungen aus den Verbandssatzungen 
entfernt, da, wie es in dem Antrag des Vorstandes hieß, „es nicht undenkbar fei, 
daß manche Prinzipale an diesen Bestimmungen Anstoß nehmen und deshalb dem 
Verband ihre Sympathien versagten". Indessen war die radikalere Richtung inner 
halb des Verbandes wohl nie ganz verschwunden. Nach langen und schweren 
Kämpfen gelang es ihr nach und nach, sich größeren Einfluß zu verschaffen. Wohl 
haben die Prinzipale innerhalb des Verbandes die gleichen Rechte wie die Gehilfen; 
wohl können sie einflußreiche Vorstandsämter bekleiden, doch ist der Einfluß, den 
sie ausüben, tatsächlich geringer, als es bei dem Verein für Handlungs-Commis von 
1858 der Fall ist. 
Der Umstand, daß in den Jahren 1885—1893 keine Vereine bestanden, die die 
Forderungen der Gehilfen mit einem gewissen Radikalismus betont hätten, kam der 
Sozialdemokratie zugute. Von Berlin, Hamburg und anderen Großstädten aus 
wurde eifrig unter den Handlungsgehilfen, zumal unter den Verkäufern agitiert. 
Da die Verkäufer damals unter einer überlangen Arbeitszeit seufzten, — vielfach 
mußten sie von 7 Uhr morgens bis 11 Uhr, ja 12 Uhr nachts arbeiten — so erwiesen 
sich die sozialdemokratischen Bemühungen nicht als fruchtlos. In Österreich, wenig 
stens in Wien, gelang es der Sozialdemokratie, damals ihre Macht unter den Handels 
angestellten dauernd zu begründen; noch heute liegt die Führung der Wiener Hand-
	        
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