192 Zweiter Teil. Handel. VIII. Der Wettbewerb im Handel rc.
schaftlichen Vorgang, an dem mehrere beteiligt sind. Sie konkurrieren, wenn sie
ein gemeinsames Ziel erreichen wollen; sie streben nach ein und demselben; sie
wissen, daß sie einen Wettlauf unternehmen, daß das Ziel von ihnen je nach ihren
Kräften, ihrer Anstrengung früher oder später, besser oder schlechter, ganz oder halb
oder gar nicht erreicht wird. Wir sprechen von Konkurrenz im allgemeinen überall
da, wo Machterfolge, Ehre, Vorteile, wirtschaftliche Güter nicht in unbegrenzter
Menge vorhanden sind, wo die Beschränktheit des Erstrebten den Wettbewerb, ja
den Kampf der Menschen oder der menschlichen Gemeinschaften erzeugt. Um d«s,
was jeder ohne weiteres im Überfluß haben kann, wird nicht konkurriert. Das
Ziel der Konkurrenz ist immer ein solches, daß nur einer oder eine bestimmte Zahl
es erreicht, oft so, daß, wenn es sich um eine Mehrzahl von Siegern handelt, sie in
eine Reihe geordnet werden; häufig so, daß es Sieger und Ausgeschlossene gibt,
mindestens so, daß eine Hierarchie von viel und wenig Erreichenden entsteht. Die
Art der Entscheidung der Kämpfe ist die allerverschiedenste: bald ist es der brutale
Kampf, bald der Ausspruch eines Schiedsgerichts oder der öffentlichen Meinung,
bald sind es freie Verträge, die erstrebt, abgeschlossen oder abgelehnt, günstig oder
ungünstig gestaltet werden.
Die Konkurrenz ist nichts anderes als der Kampf ums Dasein; die Individuen,
die Stämme, die Völker haben nie ohne Reibung und Wettbewerb, ohne Kampf
gelebt, so sehr Moral, Sitte und Recht, gemeinschaftliche Gefühle und Interessen den
Streit da und dort ausgeschlossen oder gemildert haben. Der Trieb nach Aner
kennung, nach Tätigkeit, nach Erfolg hat wie das menschliche Selbstgefühl bei etwas
höherer Kultur den Rivalitätstrieb erzeugt. Er hängt mit den selbstischen Gefühlen,
der Eigenliebe, dem Hochmut, dem Bessersein- und Besserwissenwollen zusammen;
er kann zum Unrecht, zur Gemeinheit, zur Ungerechtigkeit, zur Gewalttat führen;
aber er ist zugleich die Schule der Tatkraft, der Energie, des Fortschritts. Ohne
Rivalität und Konkurrenz tritt Stillstand ein. Das Leben entwickelt sich nur durch
Kraftproben, durch Kräftemessung.
Die Völker konkurrieren um die Weltherrschaft und den Weltmarkt, die politischen
Parteien und sozialen Klassen um Einfluß und Macht in der Staats- und Kommu
nalverwaltung, die Provinzen, Kreise und Gemeinden um Eisenbahnen und Straßen,
um Förderung aller Art. In jedem gesellschaftlichen Kreise konkurrieren die Glieder
um Ansehen und Ehre, in jedem Veamtenkörper die einzelnen um Beförderung,
Gehalt und Auszeichnung, in jeder Schule die Schüler um die höheren Plätze und
Prädikate.
Die wirtschaftliche Konkurrenz setzt einen Markt mit Käufern und Verkäufern
voraus. Die Anfänge desselben entstanden mit dem ersten Verkehr. Aber er war
lange so beschränkt, alle Wirtschaft war lange so überwiegend Eigenwirtschaft der
Familie für den eigenen Verbrauch, daß mit dem geringen und engen Marktverkehr
auch die Konkurrenz sehr gering war. Soweit Überschüsse erzeugt wurden, übrige
Arbeitskraft vorhanden war, forderte sie der Grundherr, die Gemeinde, die öffentliche
Gewalt nach Sitte und fester Rechtssatzung. Auch soweit Gemeinde- und Stammes
mitglieder auf dem Markte tauschten, betrachteten sie sich lange mehr als Freunde,
die sich Gefälligkeiten erwiesen; nur soweit Fremde mit Fremden tauschten, entstand
eigentliche Konkurrenz, freilich auch nicht ohne Schranken und Ordnungen aller Art.
Erst wo die Geldwirtschaft siegte, die Märkte größer, aller Verkehr unpersönlich wurde,
erst als in den vergrößerten Staaten ein freier, innerer Verkehr sich ausbildete,
zwischen den Staaten das Völkerrecht Ähnliches erlaubte, entstand die gesellschaftliche
und wirtschaftliche Bewegung und Reibung, an die wir heute vor allem denken,
wenn wir von der wirtschaftlichen Konkurrenz reden.