Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

194 Zweiter Teil. Handel. VIII. Der Wettbewerb im Handel rc. 
Wucht der Konkurrenz bedroht, ja unter Umständen der Verelendung und dem Unter 
gang verfallen. 
Stellen wir uns diese Vorgänge klar und lebendig vor, so haben wir damit auch 
die einfache Erklärung, warum die Konkurrenz in der älteren Literatur von den 
einen als nur segensreich, von den anderen nur als verderblich betrachtet wurde. 
Den einen erschien sie als das große Erziehungs-, den anderen als das Vernichtungs 
instrument. 
Die ersten Verherrlicher der freien Konkurrenz waren Child, North, Davenant, 
die Physiokraten und Adam Smith. Die Konkurrenz, ruft Bastiat, ist die Freiheit, 
ist das demokratische Gesetz, das die Unterschiede ausgleicht, eine wirksame Gemein 
schaft erzeugt, die großen Wohltaten der Natur allen zugänglich macht, den Kon 
sumenten billige und gute Ware schafft. Die Konkurrenz, sagt Cauwes, macht die 
Bedingungen des Tausches unpersönlich, proportioniert Bedarf und Vorrat, macht 
den einzelnen unabhängig, ermäßigt die Gewinne, regelt die Produktion am besten. 
Die Konkurrenz, sagt Roscher, ist die natürliche Folge von persönlicher Freiheit und 
freiem Privateigentum, sie entfesselt alle Kräfte der Volkswirtschaft, allerdings auch 
die bösen neben den guten. Wo über Konkurrenz geklagt werde, meint er, sei häufig 
das Fehlen der Konkurrenz von der einen Seite die Ursache. I. St. Mill sagt, das 
Verlangen nach Schutz gegen Konkurrenz bedeute Enthebung von der Notwendigkeit, 
so fleißig und so geschickt zu sein wie andere Leute. 
Aber schon Fichte nennt die freie Konkurrenz ein Raubsystem, Michel Chevalier 
ein Schlachtfeld, auf dem die Kleinen von den Großen verschlungen werden. Fourier 
meint, sie erzeuge den Betrug im Handel und die allgemeine Spitzbüberei. 
Nach Louis Blanc ist sie ein System der Vernichtung für die Armen, 
qui prepare ä l’avenir une generation decrepite, estropiee, gangrenee, pourrie; 
der Verweis auf die Billigkeit sei eine Täuschung, da sie nicht anhalte; der bon marobö, 
ruft er, ist die Keule, mit welcher der reiche Produzent den armen totschlägt,der 
Hinterhalt, in welchen der kühne Spekulant den Fleißigen lockt, das Todesurteil für 
den Fabrikanten, der im Moment die teure Maschine seines Konkurrenten nicht an 
schaffen kann; der bon marchd ist der Exekutor der Meisterstücke des Monopols, der 
Vernichter des Mittelstandes. Die Konkurrenz, sagt Engels, ist der vollkommenste 
Ausdruck des in der modernen bürgerlichen Gesellschaft herrschenden Krieges aller 
gegen alle; es ist ein Krieg um das Leben, um die Existenz, im Notfall auf Leben 
und Tod. Die Konkurrenz ist die schärfste Waffe der Bourgeoisie gegen das 
Proletariat. 
Proudhon erkennt beide Seiten; für ihn ist die Konkurrenz einerseits der Aus 
druck der sozialen Spontaneität, das Sinnbild der Demokratie und Gleichheit, die 
Stütze der Assoziation, die Triebfeder der individuellen Kräfte, der Sieg der Freiheit 
und Selbstverantwortlichkeit, der Bekämpfer der Faulheit; aber andererseits trägt 
die Konkurrenz den Mordinstinkt an der Stirne, untergräbt alle Begriffe von Billig 
keit und Gerechtigkeit, vermehrt die wirklichen Kosten, erzeugt bald Teuerung, bald 
Entwertung; sie verdirbt das öffentliche Gewissen, indem sie das Spiel an die Stelle 
des Rechtes fetzt, und erzeugt überall Mißtrauen und Schrecken. Aber, fügt er mit 
richtigem Instinkt bei, man muß die Konkurrenz nicht zerstören, sondern ihre Polizei 
finden. 
Der gewöhnlichste Vorwurf ist heute, und zwar nicht bloß bei den Sozialisten, 
sie erzeuge die sog. Anarchie der Produktion, den Wechsel von Überangebot und Unter 
angebot, die Krisen, sie sei schuld an der allgemeinen Korruption des Verkehrs, und 
ihr letztes Resultat sei stets oder häufig das Monopol und die Ausbeutung. 
Man könnte sagen, die meisten dieser entgegengesetzten Urteile seien ebenso 
falsch wie wahr. Oder vielmehr, sie seien gar nicht entgegengesetzt, sowenig wie die
	        
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