208 Zweiter Teil. Handel. VIII. Der Wettbewerb im Handel rc.
welche gewerkschaftlichen Vereinigungen angehören. Vermag der Gewerkoerein auch
nicht, selbst bei aufsteigender Konjunktur, mit absoluter Sicherheit die Löhne zu
erhöhen, so kann er doch Lohnherabsetzungen ungemein erschweren. Kein Arbeit
geber wird leichten Herzens wagen, die Löhne herabzusetzen, wenn ihm eine wohl
organisierte Arbeiterschaft, insgesamt von dem Bestreben beseelt, in ihrer Lebens
führung fortzuschreiten, gegenübersteht. Bereits erreichte Vorteile, an deren Genuß
man sich gewöhnt hat, wieder zu verlieren, bedeutet für die meisten Menschen ein
weit empfindlicheres Opfer, als etwa auf eine vielleicht mögliche Verbesserung ganz
zu verzichten. Mit der Stärke des Opfers wächst der Widerstand. Der Arbeitgeber
muß sich darauf gefaßt machen, daß die Arbeiterschaft eine geplante Herabsetzung
der Löhne bis aufs äußerste bekämpfen und ihre Lebenshaltung mit größter Zähigkeit
zu bewahren trachten wird. überdies wird ein gegen Lohnherabsetzungen geführter
Kampf in der öffentlichen Meinung, auf die heute doch viel ankommt, leicht mehr
Sympathien zugunsten der Arbeiter als der Arbeitgeber hervorrufen.
Mit Hilfe der Gewerkvereine ist es englischen Arbeitern sogar gelungen, trotz
der Preisermäßigungen, welche durch die überseeische Konkurrenz und die Frei-
handelspolitik in den wichtigsten Lebensbedürfnissen eingetreten sind, und die an Be
deutung die Verbilligung durch die Konsumvereine erheblich überragen, die Lohnbe
wegung in aufsteigender Linie zu erhalten.
Die Kritik der Konsumvereine hat an andern Punkten einzusetzen. Zuerst ist
geltend zu machen, daß die unteren Schichten der Arbeiterklasse, wie an freien Orga
nisationen überhaupt, so auch an den Konsumvereinen gar nicht oder nur in geringem
Maße beteiligt sind. „Menschen, die unter einer gewissen Lebenshaltung oder isoliert
leben"', schreibt treffend Frau S. Webb, „Bevölkerungen, welche unausgesetzt ihren
Wohnort wechseln und ihre Beschäftigung ändern, sind unfähig zur freiwilligen
Assoziation, sei es als Konsumenten, sei es als Produzenten. Dies von der „Hand
zum Mund"-Leben des unregelmäßig beschäftigten Arbeiters, die physische Apathie
des Opfers des Schweihtreibers, die Gewohnheit des Vagabundierens und die unge
regelten Wünsche des Straßenhausierers und der bunt durcheinander gewürfelten Be
wohner des gewöhnlichen Logierhauses, — kurz die Rastlosigkeit und tödliche, aus
Mangel an Nahrung entstehende, durch Nichtstun gemilderte oder durch körperliche
Erschöpfung noch erhöhte Müdigkeit gestatten in dem einzelnen Individuum ebenso
wenig wie in der ganzen Klasse, die Eigenschaften zu entwickeln, die zur demokratischen
Geno enschaft und demokratischen Selbstregierung notwendig sind."
Zweitens bleibt zu beachten, daß der Konsumverein nur denjenigen Teil des
Arbeuerkonsums zu verbilligen imstande ist, in bezug aus welchen der Arbeiter ohne
Dazwischentreten des Konsumvereines vom Detailhandel abhängig wäre. Der
Arbeiter bedarf aber auch einer Wohnung, er bedarf Gas und Wasser, er bedarf
Transportleistungen usw.
Wenn in bezug auf die Beschaffung billigerer und besserer Wohnungen auch
die Konsumvereine selbst nicht eingreifen, so haben doch immerhin die Bau- und
Sparvereine, deren es 1907 681 mit 129 232 Mitgliedern im Deutschen Reiche gab,
schon schöne Ergebnisse erzielt.
Unter diesen Umständen wird sich die Kritik, die an der Wirksamkeit der
Konsumvereine zu üben ist, hauptsächlich gegen den Versuch aussprechen müssen, die
Konsumgenossenschaftsbewegung in den Dienst parteipolitischer Zwecke zu spannen.
An und für sich sprechen dieselben Gesichtspunkte, welche eine parteipolitisch-neutrale
Gewerkschaftsbewegung verlangen, auch für die neutrale Haltung der Konsumvereine.
Obwohl besorgniserregende Erscheinungen in dieser Hinsicht leider nicht fehlen,
wird selbst derjenige, der den Genossenfchaftsidealen kritisch gegenübersteht, zugeben
müssen, daß der Gedanke der freien genossenschaftlichen Vereinigung zu den sozial-