Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

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Zweiter  Teil.  Handel.  IX.  Märkte  und  Messen.

Zu  den  Bankiergeschäften  gesellte  sich  in  diesen  Tagen  für  die  Firma  auch  noch
eine  umfangreiche  Kommissionstätigkeit,  die  jedoch  nicht,  wie  früher,  seitens  der
Käufer,  sondern  seitens  der  Verkäufer  in  Anspruch  genommen  wurde.  Viele  Produzenten ­
  zogen  es  nämlich  späterhin  vor,  die  Wollen  dem  Eichbornschen  Magazin  direkt
zum  Verkauf  zuzuschicken  und  persönlich  dem  Markte  fernzubleiben.  Schließlich  trat
die  Firma  aber  auch  noch  als  Spediteur  in  Wirksamkeit.  Denn  vor  der  Erbauung
der  Eisenbahnen  mußte  natürlich  die  Wolle  von  den  Verkäufern  per  Fuhre  nach
Breslau  geschafft  werden  und,  soweit  nicht  der  Wasserweg  benutzbar  war,  auf  ebendiese
Weise  wieder  die  Versendung  an  die  Käufer  erfolgen.  Die  Stadt  bot  mithin  nach
allen  Richtungen  ein  Bild  des  regsten  Lebens  und  der  angestrengtesten  Tätigkeit.*)
Vom  Tagesgrauen  an—  besagen  uns  die  Mitteilungen  eines  Augenzeugen  —
kamen  von  allen  Seiten  in  endlosen  Reihen  die  Fuhrwerke  vom  Lande  mit  den  in
oft  unförmlich  langen  runden  Züchen  oder  auch  in  Kastenform  verpackten  Wollen,
und  es  erforderte  die  größte  Mühe,  diese  zahllosen,  meist  von  unbeholfenen  Menschen
geleiteten  Fahrzeuge  in  den  engen  Straßen  der  Stadt  so  zu  dirigieren,  daß  jedes
seinem  Bestimmungsort  auf  kürzestem  Wege  zugeführt  wurde  und  der  Verkehr  nicht
völlig  ins  Stocken  geriet.  Waren  die  Wagen  glücklich  am  richtigen  Platze  angelangt,
so  wurden  die  Wollen  von  Tausenden  von  Arbeitern  abgeladen  und  aufgestapelt,
während  die  Frauen  und  Kinder  derselben  ohne  Handel  und  Bezahlung  möglichst  viel
von  dem  Stroh,  in  welches  die  Wollen  eingepackt  waren,  zu  erraffen  suchten.  Diese
letzteren  selbst  wurden  in  mitgebrachten  eigenen  Zelten,  die  auf  dem  Ringe  und  dem
Blücherplatz  in  Reih  und  Glied  aufgestellt  wurden  oder  in  den  Hausfluren  und
Höfen  der  Gebäude  an  diesen  Plätzen,  wo  man  sie  mit  Ausnützung  jedes  Raumes,  so
gut  es  ging,  unterbrachte,  oder  auch  in  größeren  Magazinen,  zu  deren  bedeutendsten
das  Eichbornsche  auf  der  Wallstraße  gehörte,  zum  Verkauf  ausgestellt.  An  den
Zelten  und  Häusern  waren  Tafeln  mit  den  Namen  der  darin  lagernden  Wollen
(nach  Dominium  und  Kreis)  angebracht.

*)  Eine  lebendige  Schilderung  der  Messe  i  n  F  r  a  n  k  f  u  r  t  a.  O.  gibt  Sophie
Harttung  in:  „Alt-Frankfurter  Erinnerungen"  (Märkische  Blätter.  Tägliche  Beilage  der
Frankfurter  Oder-Zeitung.  Nr.  2  vom  3.  Januar  1911.  Frankfurt  a.  O.,  Trowitzsch  &  Sohn,
1911.  jS.  2—3]).  Wir  lassen  diese  Schilderung  hier  wörtlich  folgen:
„Messe,  ja  was  das  für  eine  hochbedeutende  Zeit  für  unsere  Stadt  war,  das  wissen  nur
noch  die  ganz  alten  Frankfurter!  Das  war  eine  Zeit,  wo  sozusagen  ganz  Frankfurt,  wenigstens
die  innere  Stadt,  umgekrempelt  wurde.  Es  ist  wirklich  das  richtige  Wort  für  den  Frankfurter ­
  Meßzustand.  Jeder  Laden,  der  nicht  überhaupt  ständig  für  die  Messe  bestimmt  war,
wurde  geräumt,  die  Einheimischen  zogen  mit  ihrem  Warenbestände  in  die  bescheidensten  Ecken
der  Häuser.  Aber  nicht  nur  die  Läden,  sondern  auch  die  angesessenen  Frankfurter  Familien,
die  die  ersten  waren,  die  zu  den  alten  Patriziern  gehörten,  räumten  ihre  ganze  Wohnung
um  und  beschränkten  sich  nur  auf  die  kleinsten  Räumlichkeiten  während  dieser  3—4  Wochen.
Und  was  gab  es  sonst  im  Hause  zu  tun,  wie  viel  Portionen  Kaffee  kochten  Tag  und  Nacht
die  Hausfrau  und  deren  erwachsene  Töchter,  und  wer  sonst  noch  von  der  Familie  helfen
konnte,  half.  Wenn  die  Meßfremden  und  deren  Helfer  auch  nicht  beköstigt  wurden,  einen
guten  Kaffee  zur  Aufrechterhaltung  der  Kräfte  beanspruchten  sie  doch.  Überhaupt  damals
konnten  die  Töchter  unserer  Kaufmannshäuser  nicht  an  ein  Lehrerinexamen  oder  anderen
Beruf  denken,  dafür  gab  es  zu  viel  im  Hause  zu  schaffen,  ihre  Hilfe  war  unentbehrlich.  Wenn
ich  denke,  wieviel  Stand  Betten  zu  solchem  Betriebe  gehörten,  die  dreimal  des  Jahres  hervorgeholt ­
  und  dann  wieder  beiseite  gepackt  werden  muhten!  Die  Frankfurter  Familien  verwuchsen ­
  mit  den  Meßfremden,  die  von  aller  Herren  Länder  kamen,  aus  Sachsen,  Thüringen,
sogar  bis  vom  Rhein.
Und  welch  ein  Treiben  auf  den  Straßen  zur  Meßzeit,  als  wäre  man  in  der  belebtesten
Straße  des  damaligen  Berlins,  und  welch  ein  malerisches  Straßenbild!  Es  ragten  aus  allen
Häusern  Firmenschilder  heraus,  wie  phantastische  große  Nasen,  und  welches  Treiben  unten,
            
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