Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

3.  Der  Breslauer  Wollmarkt  und  die  Firma  Eichborn  &  Co.  223

Die  Gutsbesitzer  kamen,  soweit  es  ihre  Verhältnisse  gestatteten,  selbst,  vornehme
wie  geringe,  mit  ihren  Frauen,  Söhnen  und  Töchtern  mit  eigenem  Geschirr  zum
Wollmarkt,  dessen  Besuch  ihnen  ein  Fest  war,  nach  Breslau  gefahren  und  sahen
stundenlang,  Herren  wie  Damen,  bei  mitgebrachtem  oder  schnell  beschafftem  Imbiß
auf  den  Wollsäcken,  sich  gegenseitig  besuchend  und  der  Käufer  gewärtig.  Diesen  war,
da  die  Wollen  möglichst  alljährlich  dieselben  Lagerplätze  innehatten,  das  Auffinden
der  begehrten  Wollen  sehr  erleichtert,  und  der  Handel  vollzog  sich  in  der  Regel  rasch.
Schwieriger  dagegen  war  es,  die  Abholung  der  Wolle  durch  den  vom  Käufer  damit
beauftragten  Spediteur  nach  dessen  Speicher  zu  erreichen,  da  sich  in  der  Eile  nicht  so
viele  Gespanne  und  Arbeiter  beschaffen  ließen,  um  jeden  einzeln  gekauften  Posten
sofort  abholen  und  zur  Verwiegung  bringen  zu  können.  Diese  mußte  aber  selbstverständlich ­
  erfolgt  sein,  ehe  die  Abrechnung  mit  dem  Verkäufer  stattfinden  konnte.
Dem  Eichbornschen  Magazin  wurden  hierbei  öfter  ein  paar  tausend  Ballen  Wolle
zur  Abholung,  Verwiegung  und  größtenteils  auch  zur  baldigen  Weiterbeförderung
überwiesen.  Mit  der  vom  Spediteur  erhaltenen  Gewichtsbescheinigung  suchte  dann
der  Verkäufer  den  Käufer  in  dessen  Logis  auf  und  fand  dort  meistens  schon  eine
Anzahl  anderer,  gleichfalls  auf  Abrechnung  Wartender  vor,  so  daß  es,  ehe  die  letzten
die  Zahlungsanweisung  auf  den  Bankier  des  Käufers  erhielten,  zur  Erhebung  des
Geldes  für  diesen  Tag  sehr  häufig  schon  zu  spät  war,  obwohl  die  Zahlstunden  bis
sieben  Uhr  abends  ausgedehnt  wurden.  Der  Bankier  hatte  bei  den  Zahlungsleistungen
besonders  darauf  zu  achten,  daß  die  Akkreditivsumme  nicht  überschritten  und  die  Einlieferung ­
  der  Wollen  am  richtigen  Ort  erfolgt  war.
Mit  der  Einführung  der  Eisenbahnen  hat  das  Markttreiben  dann  ein  völlig
verändertes  Gepräge  erhalten.  Denn  die  Anfuhr  der  Wollen  von  den  Dominien
nach  Breslau,  die  Tausende  von  Fuhrwerken  in  Bewegung  gesetzt  hatte,  fiel  ebenso
wie  der  Weiterversand  an  die  Käufer  nunmehr  zum  größten  Teile  diesen  zu,  und
viele  der  Produzenten,  die  früher  ihre  Ware  stets  persönlich  nach  dem  Markt  begleitet ­
  hatten,  sandten  sie  jetzt  auf  Breslauer  Läger  zum  Verkauf  und  zur  Besorgung
alles  Weiteren.
Mit  der  wachsenden  Einfuhr  überseeischer  Wollen,  die  durch  den  in  großem
Maßstabe  betriebenen  Export  hochfeiner  schlesischer  Böcke  nach  Australien  und
Amerika  allmählich  auf  das  erfolgreichste  veredelt  worden  waren  und  viel  billiger
als  die  schlesischen  einstanden,  hat  der  Breslauer  Markt  schließlich  mehr  und  mehr
an  Bedeutung  verloren.  Es  lieh  demzufolge  auch  mit  der  geringeren  Nachfrage  die
Sorgfalt  der  Züchter  nach,  und  so  kommt  es,  daß  der  Besuch  des  Marktes  von  Ausman ­

  hörte  die  verschiedenartigsten  Dialekte,  dazwischen  wanderten,  lebhaft  sich  bewegend,  die
polnischen  Juden  mit  ihren  langen,  braunen  Gehröcken,  kleinen  Stulpstiefeln,  großem  Schlapphut, ­
  unter  dem  schwarze  Locken  wie  Korkenzieher  hervorguckten,  und  erhöhten  durch  ihre
sonderbaren  Erscheinungen  das  malerische  Bild.  Vorsichtig  konnte  man  nur  den  Bürgersteig
durchschreiten;  denn  er  war  eigentlich  von  den  Meßhelfern  eingenommen,  die  in  grauen  Jacken
mit  großen,  blauen  Schürzen,  große  Packnadeln  in  der  Hand,  lange  Bindfadenzöpfe  an  der
Seite,  beschäftigt  waren,  riesige  Ballen  von  Tuch  oder  anderer  Ware  zusammenzunähen,  um
sie  auf  die  unzähligen  wartenden  Rollwagen  zu  befördern.
In  der  Richtstraße  waren  besonders  die  Pelzhändler,  in  der  Scharrnstrahe  nur  Tuchhändler, ­
  da  war  ein  Weltmarkt,  und  die  jetzt  vereinsamt  liegenden  großen  Glashöfe  könnten
viel  von  dem  vergangenen  Leben  erzählen.  Und  welch  ein  Treiben  um  die  alte  Wollwage,
einst  Breitestraßen-  und  Scharrnstraße-Ecke,  im  Dr.  Kuntzefchen  Haufe,  wie  viel  Zentner
alter,  getrockneter  Felle  mögen  auf  der  alten,  ehrwürdigen  Wage  im  offenen,  mit  großen
Steinen  gepflasterten  Raum  gewogen  worden  fein!  Und  welch  einen  Anblick  bot  die  Breitestraße! ­
  Hoch  mit  alten  Fellen  war  der  ganze  Fahrdamm  bepackt,  und  welch  ein  Geruch,  der
jetzt  manche  Gemüter  mit  neuen  hygienischen  Anschauungen  mit  Schauder  erfüllen  würde.
Aber  das  gehörte  eben  zur  Messe,  zur  geldspendenden  Messezeit  I"  —  G.  M.
            
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