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5. Die Messe von Nischni-Nowgorod einst und jetzt.
Die breiten Massen Rußlands begannen zu jener Zeit in den Besitz einer
Handelsware großen Stiles zu gelangen: ihr Getreide wurde verkäuflich. Damit ver
änderten sich, wenn auch allmählich, die naturalwirtschaftlichen Gewohnheiten des
Volkes. Der tiefste Grund dieser Veränderung war das Getreideeinfuhrbedürfnis,
also die städtisch-gewerbliche Entwicklung Westeuropas. Beschleunigt wurde diese
Veränderung durch die Reformen Alexanders II., vor allem den Eisenbahnbau. Die
gesetzlichen Beschränkungen, denen bisher die Kramläden auf dem Lande unterworfen
gewesen waren, fielen. Gewiß wirkte in der angedeuteten Richtung auch die Auf
hebung der Leibeigenschaft. Früher verbarg der Bauer etwaige Ersparnisse, da er
durch Ausgaben auf Kleidung und Bequemlichkeit die Habgier des Herrn erweckte.
In auffallender Weise vermehrte sich gerade in den Jahren nach der Bauernbefreiung
auf den Jahrmärkten der Absatz der für das Volk bestimmten Waren. Der befreite
Bauer kleidete sich besser und in lichteren Farben.
Im Jahre 1895 habe ich in einem großen Dorfe des Gouvernements Woronefch
den Inhalt des Dorfladens gemustert, um einen Einblick in die gegenwärtigen Ver
brauchsverhältnisse des Bauern zu gewinnen. Bei weitem überwogen die Produkte
der Baumwollindustrie.
Neben der Baumwolle spielte in dem besuchten Laden das Erdöl die zweite
Rolle, ebenfalls ein Produkt der jüngsten kapitalistischen Wirtschaftsentwicklung.
Außerdem fand ich zahlreiche eiserne Kleinwaren: die Räder werden jetzt meist mit
eisernem Reife, die Pflugschar mit eisernem Rande versehen. Daneben sah ich eiserne
Beile, eiserne Töpfe, Nägel usw. Zwar nicht in dem betreffenden Laden, jedoch in
der Gegend sah ich eiserne Pflüge, meist deutschen Ursprungs, welche teils von
Handlungsreisenden südrussischer Einfuhrhäuser, teils von den Beamten der Land
schaft unter der bäuerlichen Bevölkerung verbreitet werden.
Alles dies deutet auf eine Zunahme der geldwirtschaftlichen Gewohnheiten des
Volkes. Damit ist die Möglichkeit gegeben, vom Meßhandel zum ansässigen Handel
überzugehen. Dies ist bereits der Fall in dem dichter besiedelten Kleinrußland,
dessen Messen heute verfallen, dessen Handelsmetropole Charkoff gewaltig ausblüht.
Die I ahrmarktsteuer, erhoben in fünf Klassen nach der Größe des Jahrmarktes von
den anreisenden Kaufleuten, zeigt dementsprechend seit 1884 für Kleinrußland einen
Rückgang.
Dagegen gehört die Bedeutung der Nischnier Messe keineswegs der Ver
gangenheit an, vielmehr ist ihr die verkehrswirtschaftliche Entwicklung der sechziger
und siebziger Jahre zunächst zugute gekommen. Ihr geographisches Gebiet deckt noch
heute das gesamte Wolgabecken einschließlich des mittelrussischen Jndustriebezirkes
selbst, sowie das im Norden und Osten dieses Beckens gelegene Gebiet. Im Westen
wird es begrenzt durch das Twersche Gouvernement, welches kommerziell bereits
von Petersburg abhängt. Das Gebiet der Messe ist also nahezu das gleiche wie
das des bäuerlichen Gemeindebesitzes, — gewiß kein Zufall. Beides vielmehr
deutet auf den weniger verkehrswirtschaftlichen Charakter des mittleren und östlichen
Rußland im Vergleich mit dem Norden, Westen und Süden.
Aber wenn Nischnis Handel bis in die achtziger Jahre nicht gelitten hat, so hat
sich doch der Charakter seiner Messe völlig geändert. Der asiatische Fernhandel,
insbesondere der russisch-chinesische Handel, ist zurückgegangen. Der Tee hat die
Überlandsroute verlassen; mit der Verbilligung der Seefracht ist an Stelle des Kara
wanentees der Kantontee getreten. Zwar erscheint der Tee noch in Massen auf der
Nischnier Messe, aber Nischni empfängt ihn doch nur aus zweiter Hand. Von den
Schwarzen Meerhäfen, sowie von Moskau aus und ohne Vermittlung der Messe
vollzieht sich in wachsendem Maße die Versorgung des Landes mit dem allbeliebten
Genußmittel. Der Ausfuhrhandel russischer Gewerbeprodukte, besonders russischer