Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

3. Die Messe von Nischni-Nowgorod einst und jetzt. 231 
In den letzten Jahren vollzog sich eine weitere Veränderung. Die Messe von 
Nischni hat ihren Höhepunkt überschritten. Der Wert der zugeführten Waren betrug 
1880—84 im Jahresdurchschnitt 215% Millionen Rubel und war in den Jahren 
1892—1896 auf 170 Millionen gesunken.*) Insbesondere werden heute weniger 
Textilwaren zur Messe gebracht als vordem, obgleich dieselben noch immer die leitende 
Ware der Messe sind: 49 Millionen Rubel im Durchschnitt der Jahre 1868—1872 
gegen 45 Millionen 1890 und 91, — und dies trotz der gewaltigen Ausdehnung 
gerade der Textilindustrie in den letzten zwei Jahrzehnten. Dies bedeutet, daß die 
wichtigste russische Industrie sich vom Meßabsatz loszumachen beginnt. Baumwoll 
garne erscheinen oft nur in Spezialitäten auf der Messe, z. B. gefärbte Garne für 
den asiatischen Verkehr, die Kattune vielfach nur in Mustern. Die Messe wird zur 
Börse; an Stelle des Verkaufs in naturu tritt die Preisfestsetzung und Bestellung 
nach Proben unter örtlicher Zusammenfassung von Angebot und Nachfrage. 
Aber diese Börse läßt sich ebensogut oder besser in Moskau abhalten, umsomehr, 
als die einjährige Frist, an welche die Messe von Nischni gebunden ist, den schnelleren 
Schwankungen der geschäftlichen Konjunkturen von heute nicht mehr entspricht. 
Jedoch bleibt der Messe ein breites, ja wachsendes Gebiet in den asiatischen 
Dependenzen Rußlands. Politisch unabhängige Asiaten, Perser und Türken pflegen 
aus der Messe nur zu verkaufen, um Bargeld mit nach Hause zu nehmen, für welches 
sie daheim westeuropäische Jndustrieprodukte kaufen. Die Kaukasier und die Trans- 
kaspier dagegen sind durch das sie umschlingende Schutzzollsystem gezwungen, russische 
Jndustrieprodukte von der Messe mitzunehmen. Durch ein wertvolles Ausfuhrobjekt, 
welches mehr und mehr an Bedeutung gewinnt, die Rohbaumwolle, werden diese 
Transkaspier zunehmend kaufkräftige Abnehmer der Industrie. 
Den asiatischen Gewohnheiten aber entspricht noch heute und auf lange hinaus 
der Meßhandel. Soweit nicht unter den Volksgenossen geheiligte Überlieferung die 
Preise festsetzt, ist der Kaufmann noch heute wie vor alters der „überlister". Der 
Asiate mißtraut den zugesandten Mustern und Warenproben; er will die Waren selbst 
sehen und untersuchen. Er glaubt sich übervorteilt, wenn der Preis ohne stunden 
langes Feilschen zustande kommt. Denn er sucht seine persönliche Schlauheit beim 
einzelnen Geschäft in die Wagschale zu werfen; nicht Angebot und Nachfrage be 
stimmen für ihn die Preise, sondern das Maß gegenseitiger Geriebenheit. 
Diesen Gepflogenheiten aber kommt der Meßhandel entgegen. In demselben 
Verkaufslokal werden in derselben Stunde, ohne daß irgendwelche Umstände sich ge 
ändert hätten, dieselben Waren oft zu den allerverschiedensten und geheimgehaltenen 
Preisen verkauft. In der Abneigung des Asiaten gegen öffentliche Preisfestsetzung 
liegt auch für die Zukunft eine gewisse Bedeutung der Messe von Nischni gesichert. 
*) Mitteilungen über den Verlauf der Messe in Nischni-Nowgorod im Jahre 1911 ent 
halten die Nachrichten für Handel und Industrie. Zusammengestellt im Reichs 
amt des Innern. Berlin, Carl Heymanns Verlag, Nr. 122 vom 28. Oktober 1911, 
S. 1—4. — G. M.
	        
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