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Zweiter Teil. Handel. X. Die Börse.
einzigen Eigentumsübergang von dem endgültigen Verkäufer auf den endgültigen
Käufer zum Zwecke haben, oft 10—20 mal die Hände. Sie kleiden sich alle in die
Form von Kaufs- und Verkaufsgeschäften, haben aber den Kauf oder den Verkauf
gar nicht zum Selbstzweck, sondern sind nur Teile der Vermittlung, die darin besteht,
den endgültigen Käufer oder Verkäufer ausfindig zu machen. Indem alle diese
Zwifchentransaktionen mit der Umsatzsteuer belegt werden, werden sie unmöglich
gemacht.
Die Tätigkeit der Börse und des Börsenhandels ist notwendigerweise eine
spekulative, und Ausschreitungen in der Spekulation kommen bedauerlicherweise vor.
Sie werden von uns und von Ihnen ebenso bedauert und ebenso verurteilt wie von
irgend jemand anders. Aber die Nachteile, die aus diesen Ausschreitungen entstehen,
sind minimal im Verhältnis zu den ungeheuren wirtschaftlichen Vorteilen, welche ein
gesunder und kräftiger Börsenhandel für die Allgemeinheit in sich birgt.
Aus dem, was ich auseinandergesetzt habe, geht hervor, daß der Börsenhandel
einem wirtschaftlichen Bedürfnisse entsprungen ist, und daß die wirtschaftlichen Be
dürfnisse nicht befriedigt werden können ohne einen starken Börsenhandel. Tritt hier
irgendeine Stockung ein, so macht sich das in allen Zweigen des wirtschaftlichen
Lebens geltend, und die wirtschaftliche Kraft des Landes muß dadurch geschwächt
werden. Politisch stark ist heute aber nur das Land, das auch wirtschaftlich stark ist.
Unter diesem Gesichtspunkte betrachtet, ist eine starke Börse einer der Hauptfaktoren
auch der politischen Macht des Landes.
3. Wesen und Wert der Zentralproduktenbörsen.
Von Kurt W i e d e n f e l d.
W i e d e n f e l d , Wesen und Wert der Zentralproduktenbörsen. sBerlinerj Akademische
Antrittsrede. Sonderabdruck aus: Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft
im Deutschen Reich. 27. Jahrgang. Herausgegeben von Schmoller. Leipzig, Duncker & Humblot
1903. S. 8 und S. 9—14.
Im Großhandel ist ein Doppeltes vereinigt: einmal hat er örtlich und zeitlich Vorrat
und Bedarf auszugleichen, indem er die am Produktions- oder Stapelort entbehrlichen
llberfchußmengen an die Stätten des Mehrbedarfs überführt, und indem er die zeitlich ent
behrlichen Mengen für spätere Tage geringerer Ernten aufspeichert; zweitens hat er aber auch
in Wechselwirkung mit dieser ersten Funktion die Preise zu bilden, wobei er sich zwar auf
die im tatsächlichen Vorrat und Bedarf sowie in sonstigen Tatumständen gegebenen Grund
lagen stützt, wobei jedoch auch persönliche Meinungen und Einflüsse ein entscheidendes Wort
mitreden, wobei also Angebot und Nachfrage zum Ausgleich kommen. Man kann
hiernach — nach dem Vorgang Ehrenbergs, der allerdings die Aufgaben anders verteilt —
eine effektive Funktion des Großhandels unterscheiden: sie gleicht Vorrat und Bedarf
aus, und eine spekulative Funktion: sie gleicht Angebot und Nachfrage aus; jene findet
in der Verschiebung der Gütermassen, diese in der Preisbildung ihren Inhalt.
Aus der großen Zahl von Börsen, die sich mehr oder minder dicht über alle
Länder konzentrierter Produktion oder Konsumtion ausgebreitet finden, haben sich
einige Plätze herausgehoben, die überwiegend das Geschäft der Preisbildung besorgen
und infolgedessen eine überragende Bedeutung erlangt haben, die deswegen passend
als Zentralbörsen zu bezeichnen sind; bilden sie doch die Punkte der Welt
handelsorganisation, nach denen wegen ihrer Preisnotierungen aller Augen gerichtet
sind, deren Einfluß sich daher über die ganze Erde erstreckt. Wie in Chikago oder
New Port, in London, Liverpool, Berlin die Getreidepreise stehen, das spürt der