Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

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Zweiter  Teil.  Handel.  X.  Die  Börse.

daß  man  die  Kräfte,  die  hier  tätig  sind,  falsch  einschätzt:  die  persönlichen  Einflüsse  zu
hoch,  die  sachlichen  Ursachen  zu  niedrig.
Denn  selbstverständlich  treffen  zwar  an  den  Zentralbörsen  die  Personen
aufeinander,  nur  durch  ihre  Vermittelung  kommen  die  sachlichen  Preisgrundlagen  zur
Wirkung:  Angebot  und  Nachfrage,  nicht  unmittelbar  Vorrat  und  Bedarf  gleichen  sich
hier  aus.  Aber  es  kann  doch  einem  Zweifel  nicht  unterliegen,  daß  die  Personen  nur
dann  ihre  Meinung  über  den  voraussichtlichen  Preisgang  durchzudrücken  vermögen,
wenn  sie  sich  dabei  auf  die  realen  Elemente  stützen,  wenn  eine  reale  Macht
hinter  ihnen  steht.
Dafür  spricht  schon  mit  entscheidendem  Gewicht  die  Tatsache,  daß  die  gewaltsamen ­
  Störungen  der  Preisentwickelung,  die  in  den  letzten  Jahren  von  Berlin  und
Chikago  ausgegangen  sind,  sämtlich  ä  la  hausse  geplant  waren;  den  Cohn  &  Rosenberg, ­
  den  Ritter  &  Blumenfeld,  den  Leiter  erschien  es  möglich,  nach  einer  schlechten
Ernte  so  viel  Getreide  aufzukaufen  und  festzuhalten,  daß  sie  die  Preise  dann  schlechthin
diktieren  könnten.  Noch  nie  hat  es  dagegen  jemand  für  nützlich  gehalten,  gewaltsam
ü  la  baisse  zu  spekulieren,  —  der  Preisrückgang  hat  sich  regelmäßig,  abgesehen  von
den  unmittelbar  auf  den  Zusammenbruch  einer  Hausse  folgenden  Zeiten,  viel  gleichmäßiger ­
  vollzogen  als  der  in  wilden  Sprüngen  vor  sich  gehende  Preisaufschwung
jener  Perioden  einer  übertreibenden  Haussespekulation  —  könnte  es  doch  zur  Durchführung ­
  eines  Baissemanövers  notwendig  werden,  immer  neue  Getreidemassen  auf
den  Markt  zu  werfen,  was  aus  Naturgründen  sehr  bald  seine  Grenze  findet.  Auch
jene  Haussespekulationen  sind  nun  trotz  der  großen  Kapitalien,  die  ihnen  namentlich
der  Chikagoer  Milliardärsohn  Leiter  im  Jahre  1897/98  dienstbar  gemacht  hat,  alsbald
mit  jähem  Ruck  zusammengebrochen,  als  die  tatsächlichen  Voraussetzungen  der  Berechnungen ­
  sich  als  falsch  erwiesen,  als  unter  dem  Einfluß  der  gesteigerten  Preise
immer  neue  Massen  auf  den  Markt  kamen  und  schließlich  eine  bessere  Ernte  vollends
den  Haussemanövern  den  Boden  entzog:  der  Vorrat  erwies  sich  als  größer,  denn  angenommen ­
  war,  und  konnte  daher  wieder  in  Einklang  mit  der  Nachfrage  gesetzt
werden.  Der  Preisrückgang  der  letzten  drei  Jahrzehnte  läßt  sich  aus  dem  Heranziehen
  immer  neuer  Produktionsgebiete  und  aus  der  Verbilligung  des  Transports
zu  Lande  und  namentlich  zu  Wasser  vollauf  erklären,  ohne  daß  es  des  Rückgriffs  auf
die  angebliche  Baissetendenz  des  Termingeschäfts  bedarf.
Hat  sich  also  auch  der  preisbildende  Spekulativhandel  zu  einem  selbständigen
Geschäftszweig  entwickelt,  so  hat  er  sich  doch  vom  Effektivhandel  nicht  völlig  losgelöst,
—  sich  gar  nicht  völlig  loslösen  können;  er  geht  nicht  seine  eigenen  Wege  ohne  Rücksicht
auf  die  realen  Grundlagen  des  Getreidehandels.  Und  sind  auch  gewaltsame  Störungen
der  regelmäßigen  Preisbildung  unzweifelhaft  vorgekommen,  so  schließen  doch  auch
sie  sich  stets  entsprechenden  Vorgängen  in  der  Produktionssphäre  an,  und  sie  finden
ungleich  heftigere,  die  Preisnot  bis  zur  Hungersnot  gewaltsam  steigernde  Vorbilder
in  jenen  früheren  Zeiten,  in  denen  Angebot  und  Nachfrage  nur  lokal  zum  Ausgleich
gebracht  werden  konnten.  Die  Verselbständigung  des  Spekulativhandels  und  die
Ausbildung  der  ihm  dienenden  Organe  hat  mithin  derartige  Auswüchse  allerdings
nicht  zu  beseitigen  vermocht;  sie  hat  aber  doch  durch  die  Verbreiterung  des  Wirkungsbereichs ­
  die  Durchführung  solcher  Manöver  immerhin  erschwert.  Auch  durch  die
Zentralproduktenbörsen  und  ihren  Terminhandel  ist  also  die  Preisbildung  nicht  Preiswillkür ­
  geworden.  Dieser  entscheidende  Vorwurf  trifft  nicht  zu.  —
Demgegenüber  bedeutet  es  für  die  Volkswirtschaft  eines  Landes  einen  entschiedenen ­
  Vorteil,  wenn  sie  im  Rate  des  Weltmarktes  selbständig  durch  eine  eigene
Zentralbörse  vertreten  ist.  Allerdings  ist  dieser  Vorteil  auf  dem  Gebiet  des  Getreidehandels ­
  nicht  so  handgreiflich  wie  auf  dem  des  Geld-  und  Effektenverkehrs;  aber  zu
            
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