Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

5.  Der  Verkehr  auf  der  Börse.

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oder  umgekehrt  die  Verkaufsreflektanten  mit  ihren  Preisforderungen  herabgehen,
um  so  durch  die  billigeren  Preise  einen  Anreiz  zum  Kauf  zu  schaffen.  Der  ganze
Verkehr  trägt  demgemäß  den  Charakter  eines  unablässigen  gegenseitigen  Ansteigerns
an  sich:  die  Kommissionäre  und  Makler  mit  Kaufaufträgen  in  der  Tasche  gehen  mit
ihren  Preisangeboten  herauf,  diejenigen  mit  Verkaufsaufträgen  mit  den  Preisforderungen ­
  herunter,  —  fo  nähern  sich  die  Gebote  einander,  bis  ein  Geschäftsabschluß ­
  zwischen  zwei  Beteiligten  zustande  kommt.  In  der  Vergangenheit  und  auch
heute  noch  vielfach  in  England  und  Amerika  trägt  der  Verkehr  auch  geradezu  die
Form  der  öffentlichen  Versteigerung  an  sich:  ein  Börsenbeamter  ruft  von  erhöhter
Stelle  aus  die  einzelnen  Waren  und  Papiere  auf;  im  weiten  Kreise  um  ihn  stehen
die  Reflektanten  und  rufen  ihm  ihre  Gebote  zu,  die  er  mit  lauter  Stimme  wiederholt, ­
  bis  die  Annahme  eines  Gebotes  durch  einen  Anwesenden  erfolgt,  worauf  die
Gebote  von  neuem  beginnen.
Meist  vollzieht  sich  der  Verkehr  ohne  einen  solchen  amtlichen  Ausrufer,  aber
dem  Wesen  nach  in  ähnlicher  Weise.  Die  Händler  in  einem  Papier  oder  in  einer
Warensorte  mit  besonders  lebhaftem  Verkehr  haben  meist  einen  bestimmten  allgemein
bekannten  Standort  auf  der  Börse.  Dorthin  begibt  sich,  wer  davon  kaufen  oder
verkaufen  will,  und  es  bildet  sich  ein  Knäuel  von  Menschen,  welche  sich  ihre  Kaufsund ­
  Verkaufsofferten  zurufen,  oft  geradezu  zubrüllen,  indem  sie  sich  dabei  bestimmter
kurzer  Ausdrücke  bedienen,  die  an  der  Börse  üblich  sind.  Zum  Beispiel:  ein  Rubel-Makler
  Meier  hat  einen  Auftrag  zum  Kauf  von  30  000  Rubel  russischer  Noten  nicht
über  211  JA  pro  100  Rubel  erhalten.  Er  begibt  sich  an  den  Rubel-„Markt",  d.  h.  zu
demjenigen  Knäuel,  in  welchem  Rubelnoten  gehandelt  werden,  und  ruft:  „210  Geld!",
das  heißt  im  Börsendialekt:  „Ich  biete  210  JA  für  je  100  Rubel."  Ein  anderer  ruft
darauf:  „211  Brief!",  das  heißt:  „Ich  bin  bereit,  zu  211  für  100  Rubel  Rubelnoten  zu
verkaufen."  Darauf  ruft  z.  B.  Meier:  „210  Geld!",  das  heißt:  „Ich  will  nur  210
geben."  Darauf  ein  dritter:  „210%  Brief!",  das  heißt:  „Ich  gebe  Rubelnoten  schon
zu  210%  für  100  Rubel  her."  Nun  geht  Meier,  einsehend,  daß  er  zu  210  JA  keine
Rubel  erhält,  mit  seinem  Gebot  in  die  Höhe  und  ruft  z.  B.  zunächst:  „210%  Geld!",
das  heißt:  „Ich  bin  bereit,  210%  für  100  Rubel  zu  zahlen",  worauf  z.  B.  ein  vierter
ruft:  „210 6 /b  Brief!"  und  Meier,  nochmals  höher  bietend:  „210%  Geld!"  Auf  dieses
Gebot  hin  ruft  ihm  ein  fünfter  zu:  „Wie  viel  mal?"  nämlich:  „Wie  viel  mal  die  sog.
„Schlußeinheit"  —  d.  h.  das  der  Einfachheit  der  Verständigung  halber  von  den
Börsenusancen  ein  für  allemal  als  gemeint  festgesetzte  Quantum,  z.  B.  in  Berlin  bei
Rubeln  10  000  Rubel  —  wollen  Sie  zu  diesem  Preise  kaufen?"  worauf  Meier
antwortet:  „3  mal!"  (d.  h.  3  X  10  000„30  000  Rubel  will  ich  kaufen"),  und  der
Gegner,  wenn  ihm  30  000  Rubel  zum  Preise  von  210%  Ji  für  je  100  Rubel  feil
sind,  antwortet:  „An  Sie!"  (nämlich:  „An  Sie  verkaufe  ich  die  betreffende  Quantität
zu  dem  gebotenen  Preise",  —  der  entsprechende  Ausdruck  des  Käufers  würde  lauten:
„Von  Ihnen!")  worauf  beide  sich  den  Kurs  und  die  Quantität  schleunigst  in  ihren
Notizbüchern  vermerken,  um  alsbald  sich  der  Erledigung  weiterer  Aufträge  zuzuwenden. ­

Oft  müssen  Gestikulationen  alle  Worte  ersetzen.  Denn  die  ungeheuere  Zahl  der
fortwährend  hin-  und  herschwirrenden  Gebote  verursacht  einen  geradezu  betäubenden
donnerartigen  Lärm  und  ist,  verbunden  mit  dem  Anblick  zahlreicher  Knäuel  sich
drängender,  brüllender  und  gestikulierender  Menschen,  wohl  geeignet,  demjenigen,  der
Zum  ersten  Male  die  Gallerten  eines  Börsenraums  betritt,  Befremden  und  Widerwillen ­
  einzuflößen.
            
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