Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

5.  Licht-  und  Schattenseiten  des  Kapitalismus.

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Kapital  in  dieser  Funktion  eine  „Peitsche"',  andere  werden  in  ihm  eines  der  mächtigsten ­
  Erziehungsmittel  der  heutigen  Menschheit  erblickerp
Der  ganze  außerordentliche  Fortschritt  in  unserem  materiellen  Dasein,  an  dem
alle  Klassen  der  Bevölkerung,  wenn  schon  ungleich,  teilnehmen,  führt  auf  die  Zunahme ­
  des  Kapitals  zurück.  In  welchem  Maß  ist  dadurch  die  Steuerkraft  der  ganzen
Bevölkerung  gestiegen,  und  wie  haben  Staat  und  Gemeinde  sich  diese  Zunahme  zu
nutze  machen  können!
Schon  aus  diesen  Andeutungen  erhellt,  daß  wir  das  Privatkapital  in  Produktion ­
  und  Erwerb  nie  entbehren  könnten,  wollten  wir  nicht  alles  Erreichte  in
Frage  stellen.
Aber  auf  der  anderen  Seite  lassen  Sie  uns  doch  nicht  verkennen,  daß  die  Macht
des  Kapitals  große  Gefahren  über  unser  wirtschaftliches  und  soziales  Leben
gebracht  hat.
Auf  die  große  Steigerung  der  egoistischen  Triebe  im  Menschen,  auf  den  öden
Mammonismus  und  Materialismus,  der  so  weite  Kreise  unserer  Zeit  beherrscht,  will
ich  nur  nebenher  Ihre  Aufmerksamkeit  richten.  Das  sind  bedauerliche  Erscheinungen,
die  außer  den  Philosophen  und  Moralisten  zwar  auch  den  Nationalökonomen,  aber
diesen  doch  nicht  in  erster  Linie  interessieren.
Neben  jener  allgemeinen  Steigerung  des  Wohlstands,  von  der  ich  eben  sprach,
steht  ein  außerordentlicher  Gegensatz  in  den  Besitzverhältnissen.  Man  muß,  um  zu
ähnlichen  Differenzen  des  Vermögensbesitzes  zu  gelangen,  bis  auf  die  Zeit  der  Fugger
zurückgehen.  Aber,  wie  ich  schon  vorhin  sagte,  großer  Besitz  bedeutet  heute  ganz  etwas
anderes  als  vor  300—400  Jahren,  da  seinem  Einfluß  heute  außer  der  öffentlichen
Verwaltung  kaum  ein  Gebiet  entzogen  ist.  Und  diese  Zugänglichkeit  aller  Gebiete
vervielfacht  auch  die  Aussichten  auf  weitere  VVrmehrung  des  Reichtums  in  der
Hand  weniger  Tausende  von  Familien,  auf  eine  weitere  Verschärfung  der  Besitzgegensätze. ­

Schon  dies  ist  beklagenswert,  so  unentbehrlich  an  sich  Besitzkontraste  im  Leben
sind.  Aber  vor  allem  haften  dem  Kapital,  namentlich  wo  es  sich  in  großen  Massen
bei  einzelnen  aufgehäuft  findet,  bei  seinem  Eingreifen  in  die  Volkswirtschaft  einige
Eigenschaften  an,  die  nur  ungünstig  beurteilt  werden  können.
Das  Kapital  fragt  nicht  nach  dem  tatsächlichen  Bedürfnis  feiner  Anwendung.
Es  schreckt  also  auch  nicht  vor  einer  Überspannung  der  Produktion  und  Konkurrenz
zurück.  Denn  der  Stern,  dem  es  folgt,  ist  nicht  Befriedigung  von  Bedürfnissen  der
Allgemeinheit,  sondern  Gewinn.
Und  weiter:  Das  Kapital  hat  einen  Zug  zum  Tyrannischen.  Dies  zeigt  sich  in
doppelter  Beziehung:  Einmal  opfert  es  rücksichtslos  alle  schwächeren  Betriebsformen,
soweit  sie  nicht  durch  ihre  Leistungen,  wie  der  kleinere  Landwirtschaftsbetrieb,  oder
durch  sonstige  Vorteile  vor  dem  kapitalistischen  Betrieb,  wie  manche  Handwerke,
widerstandsfähig  sind,  oder  soweit  sie  nicht,  wie  in  der  Form  der  Hausindustrie  oder
des  Detailhandels,  seinen  Zwecken  dienstbar  zu  machen  sind.
Und  noch  nach  einer  anderen  Richtung  bewährt  es  diesen  seinen  Charakter:
Das  Kapital  erhebt,  soweit  ihm  keine  Hindernisse  im  Weg  stehen,  auch  innerhalb
des  einzelnen  Betriebs  den  Anspruch,  nicht  nur  Richtung  und  Ausdehnung  der
ganzen  Geschäftsführung,  sondern  auch  die  Verteilung  des  Gewinns  einseitig  zu
bestimmen.
Diese  Kritik  mag  Ihnen  scharf  erscheinen;  aber  ihre  Berechtigtheit  wird  nicht
zu  leugnen  sein.  Nur  das  muß  ich  beifügen,  um  zuweitgehende  Konsequenzen,  die
daraus  gezogen  werden,  abzulehnen.  Jene  Eigenschaften  haften  zunächst  nicht  notwendig ­
  an  allen  einzelnen  Trägern  des  Kapitalbesitzes;  fast  jeder  von  uns  kennt
Unternehmer,  die  ihrer  Macht  aus  eigener  Entschließung  Schranken  auferlegen  und
            
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