Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

2. Zur Geschichte und Charakteristik des Versicherungswesens. 31S 
deutschen und in noch größerem Maße der amerikanischen Gesellschaften. Die Zahl 
der beschäftigten Personen, der Angestellten auf den Bureaus und in den Agenturen 
wächst enorm; die großen werden immer größer. Bei den Banken, wie bei den 
Versicherungsanstalten nehmen fernerhin die Grundkapitalien gewaltig zu; hier wie 
dort bringt der überseeische Verkehr einen ausgedehnten Geschäftsbetrieb im Aus 
land mit sich. 
Und wie so auf der einen Seite eine dem Bankwesen entsprechende Ent 
wickelung im Versicherungswesen wahrzunehmen ist, so zeigt sich ein entsprechendes 
Bild bei einem Vergleich zwischen Industrie und Warenhandel und dem Ver 
sicherungswesen. 
Auch hier sehen wir, wie der große Zug, der die letzten Jahrzehnte der Ent 
wickelung der Volkswirtschaft beherrscht, in allen seinen einzelnen Ausstrahlungen 
auch im Versicherungswesen zum Ausdruck gelangt. 
Besonders deutlich wahrnehmbar ist die Übereinstimmung der Entwickelung 
des Versicherungswesens mit der Industrie hinsichtlich der Kartellbildung. Wie in 
der Industrie, so vereinen sich auch im Versicherungsgeschäft die Unternehmer, um 
gemeinsame Vereinbarungen zu treffen, fei es hinsichtlich der Vertragsbestimmungen, 
sei es hinsichtlich des Verkaufspreises der Versicherungsscheine oder nur zur Wahrung 
gemeinsamer Jnterssen. Der Kartellierung der Unternehmungen treten auf der 
anderen Seite Kartelle der Versicherten gegenüber. Und eine dritte Art von Zu 
sammenschluß ist hier zu vermerken: die Bestrebungen der Versicherungsbeamten, 
der Agenten wie der Büreauangestellten, zur materiellen, geistigen und moralischen 
Hebung ihres Standes. 
Aber wie wir neben der elektrischen Schnellbahn im Besitze einer Aktiengesell 
schaft mit vielen Millionen Grundkapital den ländlichen Fuhrmann antreffen, der 
auf der gleichen Strecke Waren befördert, neben dem riesenhaften Warenhaus der 
Großstadt den bescheidenen Kramladen des Dorfes, so kann es uns auch nicht wunder 
nehmen, wenn neben dem enormen Großbetrieb einer Tausende von Angestellten 
zählenden, Millionen von Versicherten aufweisenden, international tätigen Riesen 
ge, ellschaft zahllose Versicherungszwergbetriebe der mannigfachsten Art sich erhalten 
haben. Und wie jener Kramladen nach wie vor trotz des Warenhauses rentabel ist 
und bleibt, so vermögen auch die kleinen Vereine mit einem engbegrenzten Kreise 
von Teilnehmern sich zu erhalten. 
So wenig beachtet, wie die häufig in aller Stille arbeitenden Kartelle, ist die 
ebenfalls wohl vorwiegend der neuen Zeit angehörige Filialisierung von Ver 
sicherungsunternehmungen, die Gründung von Tochteranstalten. 
Und neben der erwähnten starken Fusionierung zeigt sich in den letzten Jahren 
eine auffallend starke Tendenz zur Gründung von neuen Anstalten, welche oft einen 
örtlich oder beruflich eng begrenzten Geschäftskreis bevorzugen. Die Sucht, seine 
eigene Versicherungsanstalt zu besitzen, breitet sich in einer die gesunden Grund 
lagen der deutschen Privatversicherung bedrohenden Weise in industriellen, land 
wirtschaftlichen, ja selbst akademischen Kreisen immer mehr aus. 
Was die Entwickelung des inneren Betriebes anbelangt, so finden wir hier auf 
der einen Seite eine Fortbildung der Arbeitsteilung, auf der anderen eine Fort 
bildung der Arbeitsvereinigung. Akkumulation mehrerer Zweige zeigt sich ebenso 
wie vereinzelt die Konzentration. 
Dem modernen Versicherungswesen eigentümlich ist weiterhin die starke 
Jnternationalisierung. Versicherungsunternehmungen, welche in allen 
Erdteilen tätig sind, Policen in allen lebenden Sprachen ausstellen, Angehörige aller 
Rassen zu ihren Beteiligten zählen, sind in diesem Maße erst eine Erscheinung vom 
letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts.
	        
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