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Zweiter Teil. Handel. XIII. Versicherungswesen.
Rang, die erste Lebensversicherungsanstalt gewesen zu sein, kämpft freilich mit der
Gothaer die Deutsche Lebensversicherungsgesellschaft in Lübeck.
Frankreich ist dasjenige Land, in welchem die erste Lebensversicherungsanstalt
auf dem Kontinent anzutreffen ist. Es ist die 1787 gegründete Compagnie Royale
d’Assurances, eine Aktiengesellschaft in getreuer Nachbildung englischen Musters.
Von Frankreich aus kam die moderne Lebensversicherung 1826 nach Italien und den
anderen romanischen Ländern. Über Deutschland gelangte sie 1822 nach Österreich.
Heute entbehrt kein Kulturstaat mehr eigener Lebensversicherungsanstalten.
Das letzte Drittel des 18. Jahrhunderts bringt auch das Aufkommen der
Hagelversicherung und der Viehversicherung. Die Entwickelung der
Hagelversicherung fällt zeitlich ungefähr zusammen mit der Befreiung des Grundbesitzes
aus der jahrhundertelangen Gebundenheit, der Zunahme des Kapitalaufwandes,
der Steigerung des Rohertrags der Felder, der hierdurch bedingten Erhöhung
des etwaigen Verlustes durch Verhagelung, der Zunahme wirtschaftlicher Einsicht
und Selbständigkeit, der Verallgemeinerung der Geld- und Kreditwirtschaft.
Ihre Heimat soll die Hagelversicherung in Frankreich haben, von wo sie nach Großbritannien
gekommen ist. In Deutschland ist die erste Hagelversicherungsgesellschast
in Braunschweig 1791 gegründet worden.
In ähnlichen engen Zusammenhang mit der Intensivierung der Landwirtschaft
ist das Entstehen der modernen Viehversicherung zu bringen. Denn bei der
wachsenden Bedeutung der Landwirtschaft nahm die Tierzucht zu, und im Zusammenhang
hierinit die Tierseuche, insbesondere die Rinderpest. Der Verlust, den
diese in den Jahren 1740—1750 in Europa verursachte, wird allein aus über
3 Millionen Rinder geschätzt. Friedrich der Große war es, welcher 1765 die erste
Viehversicherungsanstalt in Schlesien ins Leben rief.
Das verfeinerte Wirtschaftsleben, wie es das 19. Jahrhundert in seiner zweiten
Hälfte bietet, bringt zahlreiche neue Kulturerrungenschaften, Lebensgewohnheiten,
welche neue Gefahren, neue Bedürfnisse wachrufen. Man denke nur an die Ausbreitung
der Eisenbahnen; die Zunahme fabrikmäßiger Produktionsweise und die
hierdurch bedingte Haftpflicht der Unternehmer; die komfortable Bauweise, insbesondere
unter stärkerer Verwendung von Glasscheiben; die Einrichtung von Wasserleitungen
in den Wohnhäusern: die Ausbreitung des Kredit- und Hypothekenwesens:
das Aufkommen der Automobile und der Luftschiffe usw. Alle diese Neuerungen
geben dem Versicherungsgedanken neuen Nährboden, und es entsteht eine Unfallversicherung
seit 1845, eine Haftpflichtversicherung seit 1871, eine
Glasversicherung, eine Wasserleitungsschäden Versicherung
usw. Die Anhäufung der Risiken bei den Versicherungsanstalten macht wieder den
Ausbau und die Verbreitung der Rückversicherung erforderlich, welche die
Mitversicherung immer mehr verdrängt.
Aber mehr noch als durch das Entstehen neuer Zweige wird die neue Epoche
gekennzeichnet durch das Hineinwachsen der Privatversicherung in den modernen
Großbetrieb.
Man kann sich die Entwickelung dieser Epoche, in der wir noch stehen, am
heften vielleicht veranschaulichen, wenn man sie in. Parallele setzt zur Entwickelung
des Bankwesens und der Industrie.
Der zahlreichen Umwandlung von Privatbanken in Aktiengesellschaften entspricht
das Verschwinden der Einzelversicherer und auch der Übergang von Gegenseitigkeitsanstalten
in die Form des Aktienbetriebes. Daneben läßt sich eine zunehmende
Fusionierung und Kommanditierung feststellen.
Dem mächtigen Emporsteigen der führenden Bankhäuser entspricht genau die
ebenso schnelle und über alles Erwarten starke Entwickelung der führenden großen