Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

324  Zweiter  Teil.  Handel.  XIV.  Buch-  und  Zeitungswesen.

lagen  in  Frankfurt,  um  die  Kosten  für  den  jedesmaligen  Transport  nach  und  von  der
Meßstadt  zum  Verlagsort  zu  sparen.  Die  selbständigen  Buchführer  aber  suchten  zu
ihren  Einkäufen  natürlich  auch  mit  Vorliebe  die  Meßstadt  auf,  wo  sie  die  große
Auswahl  und  Übersicht  über  die  sämtlichen  neuen  Erscheinungen  hatten,  aus  denen  sie
dann  ihren  eigenen  Büchervorrat  zusammenstellten.  Neben  diesem  Verkauf  an
Zwischenhändler  und  Bücherliebhaber  fand  auf  der  Messe  aber  auch  der  Verkehr  der
Verleger  untereinander  statt.  Hier  wurden  die  Verlagsassoziationen  geschlossen,  hier
ging  der  allerdings  damals  noch  weniger  entwickelte  Tauschhandel  vor  sich,  hier  wurde
mit  den  Druckern,  Papierhändlern  rc.  Rücksprache  genommen  und  neue  Aufträge  erteilt.
Wie  für  den  übrigen  Handel,  so  war  die  Messe  auch  für  den  Buchhandel  Zahlungstermin ­
  und  Zahlungsort.  Hier  wurden  die  Schulden  an  die  Drucker  von  den  Verlegern
oder  an  die  Verleger  von  den  Buchführern  eingelöst.  Die  Messe  bildete,  wie  Hase  sich
ausdrückt,  „als  Ort  der  Anbahnung  und  des  Abschlusses  größerer  Geschäfte,  als  Abrechnungsziel ­
  und  Zahlstelle,  die  Grundlage  des  gemeinsamen  geschäftlichen  Verkehrs".
Neben  Frankfurt  bildete  sich  von  den  siebziger  Jahren  des  15.  Jahrhunderts  an
eine  zweite  Büchermesse  aus,  die  zunächst  mehr  dem  Verkehr  des  norddeutschen  Buchhandels ­
  diente,  später  aber  auch  für  den  süddeutschen  Buchhandel  von  Bedeutung  war,
dagegen  den  internationalen  Buchhandel  nicht  wie  die  Frankfurter  in  sich  vereinigte.
Es  sind  das  die  Messen  der  Stadt  Leipzig,  die  in  der  späteren  Geschichte  des  deutschen
Buchhandels  noch  eine  so  hervorragende  Rolle  spielen  sollten.  Die  Bedeutung  der
Leipziger  Messe  für  den  buchhändlerischen  Verkehr  verschwindet  allerdings  zunächst
noch  hinter  derjenigen  von  Frankfurt  a.  M.,  besonders  da  der  Norden  noch  einen  relativ
geringen  Anteil  an  dem  literarischen  Leben  Deutschlands  im  Gegensatz  zum  Süden
hatte.  Mit  der  Reformation  erlitt  aber  dies  Verhältnis  eine  Änderung,  und  mit  der
steigenden  Bedeutung  des  Nordens  für  das  deutsche  Geistesleben  gewinnt  auch  die
Leipziger  Messe  einen  wachsenden  Einfluß  auf  den  Verkehr  des  Buchhandels.
Wie  die  Reformation  auf  das  gesamte  geistige  Leben  in  Deutschland  einen  völlig
umwälzenden  Einfluß  gehabt  hat,  so  hat  sie  auch  den  mit  der  geistigen  Kultur  Schritt
haltenden  und  von  ihr  abhängigen  Buchhandel  in  neue  Bahnen  gelenkt,  so  daß  wir
mit  dem  Einsetzen  der  Reformation  auch  den  Beginn  einer  neuen  Epoche  in  der
Geschichte  des  deutschen  Buchhandels  annehmen  dürfen.  War  auch  die  Technik  des
Buchdrucks  mit  wenigen  Änderungen  die  gleiche  geblieben,  so  waren  es  jetzt  der  Inhalt
der  neuen  Werke  und  der  erweiterte  Absatzkreis  der  Druckwerke,  welcher  eine  erweiterte
Vertriebstätigkeit  mit  sich  brachte,  die  das  Aussehen  des  bisherigen  Bücherhandels
veränderten.  Während  vorher  die  lateinisch  geschriebenen  Folianten  die  große  Mehrzahl ­
  der  Druckwerke  ausmachten,  gewinnt  in  der  Folgezeit  die  deutsche  Literatur  mehr
und  mehr  Platz  auf  dem  Büchermarkt.  Seit  der  Einführung  der  deutschen  Schriftsprache ­
  in  die  Literatur  durch  Luther  schämte  sich  auch  bald  die  Gelehrtenwelt  nicht
mehr,  sich  bei  der  Abfassung  ihrer  Werke  der  deutschen  Muttersprache  zu  bedienen,
die  zwar  langsam,  aber  sicher  die  lateinische  Sprache  verdrängt.  Reformation  und
Humanismus  schufen  durch  ihre  Streitschriften  schon  eine  stattliche  Anzahl  von  literarischen ­
  Erscheinungen,  die  nach  allen  Seiten  hin  wieder  Anregung  zu  produktiver
geistiger  Tätigkeit  gaben,  und  so  macht  sich  im  deutschen  Volke  bald  allenthalben  ein
ausgedehntes  schriftstellerisches  Schaffen  auf  allen  Gebieten  des  Wissens  bemerkbar.
Hauptsächlich  durch  Luthers  Flugschriften,  welche  in  enormen  Auflagen  im  deutschen
Volke  verbreitet  wurden  und  für  die  Buchhändler  eine  Goldgrube  waren,  wurde  das
Lesebedürfnis  im  deutschen  Volke  geweckt  und  die  Anteilnahme  aller  Stände  am
geistigen  Leben  gefördert.  Schon  äußerlich,  am  Format  der  Erscheinungen  zeigt  sich
die  Veränderung,  indem  die  großen  Folianten  mehr  und  mehr  durch  handliche  Bücher
in  kleinerem  Format  verdrängt  werden,  die  sich  überall  leicht  Eingang  verschafften.
Der  deutsche  Buchhandel  paßte  sich  diesen  veränderten  Verhältnissen  mit  Freuden  an
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.