332 Zweiter Teil. Handel. XV. Kaufmännisches Unterrichtswesen.
Die Schule des Lebens, bei der meist übersehen wird, wieviele Opfer sie auch
alljährlich, insbesondere im Auslande, unserem Volke kostet, ist gewiß für einen tüch
tigen Mann von festem Charakter noch immer die beste Schule. Seitdem aber der
Welthandel, die Konkurrenz überall steigernd, gleichmäßig fast den ganzen Erdball
umspannt, seitdem ist diese Schule des Lebens in der früheren wirksamen Art kaum
noch vorhanden oder doch sehr viel schwieriger zugängig und sehr viel weniger er
giebig. Insbesondere der self-made man findet regelmäßig Schwierigkeiten, seinen
Söhnen eine Erziehung zu geben, die der seinen gleichwertig ist; eine ähnliche, alle
Kräfte anspannende Ausbildung, wie er selbst genossen hat, kann er ihnen nur aus
nahmsweise verschaffen; die Gelegenheit zur Erlangung einer umfassenden Ersatz
bildung fehlte bisher; immer wieder bewahrheitet sich daher aus psychologisch leicht
erklärbaren Gründen der alte Satz, daß ein großes Vermögen selten die dritte
Generation überdauert.
Dazu kommt, daß diejenigen, die als erwachsene Männer die ganze Entwicklung
des jungen Deutschen Reichs miterlebt haben, vieles auf dem Gebiete des Rechts und
der Volkswirtschaft in seinem heißumstrittenen Werden als Zeitgenossen leicht er
lernt haben, das in seinen trockenen Ergebnissen sich das Epigonengeschlecht aneignen
muß, was sehr viel schwerer fällt und nur wenigen, besonders energischen Charak
teren ohne methodische Anleitung überhaupt gelingt.
Wenn man endlich bedenkt, daß die unbestreitbar großen Erfolge des deutschen
Kaufmanns zum Teil auch daraus sich erklären, daß die endliche kraftvolle Einigung
des deutschen Volkes viele bisher gebundene Kräfte loslöste, und daß sie ferner zum
Teil, und zwar zum sehr erheblichen Teil, auf Persönlichkeiten zurückgehen, die in den
fast ausschließlich auf den Kaufmannsstand zugeschnittenen Handelsrepubliken an der
Elb- und Wesermündung eine Ausbildung genossen haben, deren Eigenart sich immer
weniger erhalten läßt, — so sehen Sie, daß dem Hinweis auf die bisher errungenen
Erfolge nur eine sehr beschränkte Beweiskraft innewohnt.
Und das gilt noch mehr von dem Lob, das das Ausland dem deutschen Kauf
mann zu spenden pflegt. Einmal dürfen Sie nicht übersehen, daß es deutsche Eigenart
ist, im Gegensatz zu vielen andern Völkern, seine besten Söhne in die ferne Fremde
zu entsenden. Sodann gilt dieses Lob weniger dem selbständigen Kaufmann, der im
Ausland sein Glück macht; es gilt vielmehr in erster Linie den kaufmännischen An
gestellten, den Kommis und Buchhaltern, mit denen Deutschland fast die ganze Welt
versorgt. Denn dank der deutschen Schulbildung, dank der Deutschland eigenen kauf
männischen Lehrzeit, dank endlich und nicht zum mindesten der trefflichen Zucht der
deutschen allgemeinen Wehrpflicht haben wir den unbestrittenen und unbestreitbaren
Ruhm, besser als irgendein anderes Volk Tugenden wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit,
Redlichkeit und Sparsamkeit in unsern wanderlustigen Söhnen zu entwickeln. Deutsch
land liefert deshalb unzweifelhaft von allen Ländern die besten Handelsangestellten
und leider auch fast allen Ländern. Das ist ein Vorzug etwas fraglicher Art. Jeden
falls dürfen wir uns nicht mit ihm begnügen. Jedenfalls müssen wir danach streben,
zu freierer, selbständiger Entfaltung die Kräfte anzuspornen, den Drang zu wecken,
die Fähigkeit heranzubilden, früh die Ziele sich so zu stecken, daß später die Kraft
nicht versagt, sich herauszuarbeiten aus untergeordneten dienenden Stellungen, wo
manche entsagungsvolle deutsche Arbeit noch dazu unseren Konkurrenten zugute
kommt.
Das ist eine der Hauptaufgaben unserer Hochschule. Ihre Eigenart liegt nicht
darin, das Erklimmen der untersten Stufen kaufmännischer Tätigkeit zu erleichtern.
Nie kann eine Hochschule ihren Hauptzweck darin erblicken, die Zeit des Lernens zu
verkürzen. Weiter ist ihr Ziel gesteckt. Wie jede andere Hochschule, so will auch die