372 Dritter Teil. Industrie. I. Allgemeines und Grundsätzliches.
anvertraut, deren Interesse am Betrieb nicht mehr durch einen Anteil am Vermögen,
sondern durch andere Verbindungen sichergestellt wird. Wie in einer staatlichen
Verwaltung wird das Unternehmen von einer Hierarchie von Beamten beherrscht,
die mit größerer oder geringerer Selbständigkeit entscheiden und von der obersten
Spitze nur allgemeine Direktiven empfangen können. Die richtige Dezentralisation
der Teile des Betriebes vorzunehmen, die Verbindung der einzelnen Teile sicher
zustellen, die Persönlichkeiten richtig auszuwählen und eine Übereinstimmung der
Leistung des Gesamtbetriebes mit den Bedürfnissen des Marktes und den erhaltenen
Aufträgen herbeizuführen, ist nunmehr Aufgabe der obersten Spitze des Unter
nehmens, dessen Träger auch dem technischen und kaufmännischen Teil der einzelnen
Betriebsanstalten fernesteht.
Diese Entwicklung größerer Industrien von der einfachen Fabrik bis zu der
eine einzige Großunternehmung darstellenden Fabrikstadt hat nicht nur die ursprüngliche
handwerksmäßige Produktion wesentlich beeinflußt, sondern auch neue Bedingungen
für die wirtschaftliche und soziale Lage der industriellen Arbeiter geschaffen. Die
Fabriken haben die gewerbliche Arbeiterschaft in großer Menge an den industriellen
Mittelpunkten konzentriert, haben sie strengen und vielfach ungünstigen Arbeits
bedingungen unterworfen, haben das Wohl und Wehe zahlreicher Familien an das
Gedeihen einer einzelnen Unternehmung gebunden und haben überall da, wo sie von
der Produktion Besitz ergriffen haben, das Arbeitsverhältnis für die Arbeitenden zu
einem dauernden gemacht, von dem ein Übergang zur Unternehmerstellung im
gleichen Betrieb nicht möglich ist. Sie haben endlich durch das Zusammenziehen
großer Arbeitermassen, die in gleichartigen, wenig günstigen Verhältnissen leben, die
Armut gehäuft und sichtbar zum Ausdruck gebracht. Diese Entwicklung ist nach zwei
Seiten bedeutsam geworden. Einmal sind dadurch neue Probleme hervorgerufen
worden, welche einesteils den Bedingungen der Arbeit in den Fabriken und ihrer
Rückwirkung auf die Gesundheit, das geistige und sittliche Leben der Arbeiterschaft,
anderenteils dem Zusammenleben großer Mengen von wirtschaftlich dürftigen Per
sonen in städtischer Nachbarschaft entsprangen. Sodann hat die Vereinigung der
Vielen, die Gleichartigkeit der Lebensbedingungen und die soziale Isolierung, in der
sie inmitten der großstädtischen Gemeinwesen dastehen, das Selbstbewußtsein der
gewerblichen Arbeiterschaft und das Verlangen geweckt nach Fortentwicklung der
Gesellschaft zu einer für sie günstigen Organisation unter ihrer tätigen Mitwirkung.
In den industriellen Mittelpunkten besteht nicht, wie auf dem Lande, eine soziale
Gemeinschaft, in welcher den nichtbesitzenden Arbeiter eine große Anzahl von Mittel
gliedern mit dem großen Besitzer verbindet, in schroffer Trennung stehen sich die
Massen der nichtbesitzenden gewerblichen Arbeiter und die wenigen Unternehmer und
Besitzenden gegenüber. Dadurch sind die Fabriken nicht nur für die Produktions
organisationen, sondern für die ganze gesellschaftliche Organisation der Städte und
weiterhin der Volkswirtschaft überhaupt von Bedeutung geworden.
6. Der Segen der Maschinenarbeit.
Von Julius Vor st er.
V o r st e r, Die Großindustrie eine der Grundlagen nationaler Sozialpolitik. Vortrag.
2. Ausl. Jena, Gustav Fischer, 1896. S. 14—16.
Eine lange nicht genug gewürdigte soziale und wirtschaftliche Wohltat der
Großindustrie ist die durch sie geschaffene Maschinenarbeit.