Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

4.  Die  örtliche  Verteilung  der  einzelnen  Industriezweige  in  Deutschland.  383

berufes.  Unter  dieser  Spannung  leiden  die  deutschen  Ingenieure,  und  es  ist  begreiflich, ­
  daß  sie  bestrebt  sind,  diese  Spannung  zu  lösen.
In  dieser  Beleuchtung  erscheint  die  heutige  Ingenieurbewegung  nicht  als  ein
unerheblicher  Vorgang,  der  unvermittelt  auf  Anregung  einiger  Persönlichkeiten  entstanden ­
  ist,  um  bald  wieder  zu  verschwinden;  sondern  diese  Bewegung  ist  das  Kennzeichen ­
  einer  starken  und  notwendigen  Entwickelung,  mit  der  die  deutsche  Staatswirtschaft ­
  zu  rechnen  hat.  Heute  schon  ist  jeder  deutsche  Ingenieur  von  diesen  Ideen
durchdrungen,  und  bald  wird  jedermann  zu  dieser  Frage  Stellung  nehmen  müssen.

4.  Die  örtliche  Verteilung  der  einzelnen  Industriezweige
in  Deutschland.
Von  F.  C.  Hub  er.

Huber,  Deutschland  als  Industriestaat.  Stuttgart,  I.  G.  Cotta  Nachfolger,  1901.  S-15  —18.
Der  Standort  der  einzelnen  Industriezweige  ergibt  sich  aus  ihrer  geschichtlichen
Herausgestaltung  und  aus  der  örtlichen  Verteilung  der  Bodenschätze  und  Wasserkräfte.
Die  wichtigsten  Materialien  für  die  gewerbliche  Produktion  stellen  Kohle  und
Eisen  dar;  dementsprechend  bilden  auch  unsere  Kohlen-  und  Eisenbergwerke ­
  das  feste  und  sichere  Fundament  der  Leistungs-  und  Konkurrenzfähigkeit
unserer  Industrie.
Das  Hauptkohlengebiet  Deutschlands  ist  das  rheinisch-westfälische  Kohlenbecken,
ein  20  km  breiter  Streifen,  der  sich  von  den  Rheinhäfen  Ruhrort  und  Duisburg
50  km  weit  die  Ruhr  entlang  zieht  und  3700  qkm  kohlenführendes  Land  mit  einem
Kohlenreichtum  von  60  000  Millionen  t  umfaßt.  Dort  werden  jährlich  43  Millionen  t
Kohlen  im  Werte  von  über  300  Millionen  Jt  gefördert,  was  nicht  weniger  als
150  000,  d.  h.  %  sämtlicher  im  deutschen  Kohlenabbau  beschäftigten  Bergleute  beansprucht. ­
  An  die  Kohlenwerke  reihen  sich  daselbst  unzählige  Eisenschmelzen,  Walzwerke, ­
  Hammerwerke  und  Eisengießereien  an;  in  ihrer  Vereinigung  bieten  sie  das
Gesamtbild  einer  Metallindustrie,  die  über  mehr  als  200  000  Arbeitskräfte  verfügt.
—  Die  beiden  anderen  großen  Kohlenbecken  liegen  bei  Oppeln  (Schlesien)  und  Saarbrücken. ­
  In  Schlesien  fördern  58  000  Personen  jährlich  22  Millionen  t  Steinkohlen
im  Werte  von  126  Millionen  Jl,  an  der  Saar  32  000  ca.  9  Millionen  1  im  Werte
von  80  Millionen  M.  Auch  an  diese  beiden  Kohlenreviere  schließt  sich  eine  mächtige
Eisenindustrie  an.  —  Die  Eisenverarbeitung  blüht  außerdem  im  Thüringer  Wald  und
im  Erzgebirge. 12
Deutschlands  Bergbau,  Salinen-  und  Hüttenwesen,  worin  insgesamt  482  000
Personen  beschäftigt  sind,  geben  einen  Ertrag  von  fast  V/z  Milliarden  Jl  oder  das
Dreifache  von  dem,  was  Frankreich  aus  seinen  Bodenschätzen  gewinnt. 2  *
In  der  Eisönverarbeitung  hat  namentlich  die  Fabrikation  von
Maschinen,  Geschützen  und  Gewehren,  Messern  und  Kleineisenwaren  einen  Weltruf.
Die  Hauptplätze  für  den  Maschinenbau  sind:  Chemnitz,  Magdeburg,  Stettin,  Hamburg,
Flensburg,  Deutz,  Düsseldorf,  Aachen,  Breslau,  Berlin,  Hannover,  Kassel,  Nürnberg,
München,  Augsburg,  Eßlingen,  Stuttgart-Berg,  Karlsruhe,  Straßburg,  Mülhausen ­
  i.  E.,  Mannheim.  Das  Hauptgebiet  der  Eisenindustrie  im  eigentlichen  Sinne
sst  Rheinland-Westfalen.  Hier  ist  die  Teilung  der  Arbeit  auch  örtlich  durchgeführt.
Solingen  z.  B.  ist  Hauptplatz  für  Schmiedwaren,  Iserlohn,  Aachen  und  Remscheid
für  Draht  und  Nadeln,  Essen  für  die  Gußstahlfabrikation  und  Geschützgießerei.
(Krupp  allein  beschäftigt  40  000  Arbeiter). 2
            
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