Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

384 Dritter Teil. Industrie. II. Bausteine zur Würdigung der deutschen Industrie. 
Neben der Kohlen- und Eisenindustrie bildet das dritte Hauptgewerbe die 
Textilindustrie. Sie ist in Deutschland nicht minder bedeutend. Die Hauptsitze 
befinden sich im Elsaß, in Schwaben, Oberfranken, in der Rheinprovinz, in Sachsen, 
Brandenburg und Schlesien. Von den beiden ältesten Zweigen der Industrie ist die 
Leinenweberei vorzüglich im Riesengebirge, der Lausitz, in Westfalen (Bielefeld, Osna 
brück) und auf der Schwäbischen Alb, die Wollweberei — zum Teil in Anlehnung 
an die Schafzucht — hauptsächlich in Hannover und Westfalen, in der Rheinprovinz 
und in Sachsen, Brandenburg und Schlesien zu Hause. Zu diesen beiden Zweigen 
traten Ende des 18. Jahrhunderts die Baumwollweberei hinzu, mit dem Hauptsitz in 
Elsaß-Lothringen, Schwaben, Sachsen und in den Rheinlanden (Wuppertal). Die 
Zeugdruckerei ist in Sachsen, Brandenburg, im Ober-Elsaß und im badischen Wiesen 
tal stark vertreten. — Einen Weltruf genießen Krefelds Seidensamte, die Aachener 
Wollwaren, Berlins Konfektionsartikel, die Plauener Stickereien, die Tuche von Greiz 
und Gera, Aachen, Kottbus und Hirschberg. 
An vierter Stelle ist die am Untermain und Mittelrhein konzentrierte 
chemische Großindustrie in Höchst, Griesheim a. M., bei Frankfurt und Ludwigs 
hafen anzuführen. Ihr reihen sich die der Chemie im weiteren Sinne zugehörigen 
Exportindustrien an, zunächst die Zucker fabrikation der Provinz Sachsen (Magde 
burg). Hier wie im Osten und Nordosten sind außerdem die Branntwein 
brennerei und die Stärkefabrikation zu Hause. Die Bierbrauerei 
hat ihren Hauptsitz in München, dann in den Großstädten Berlin, Hamburg, Dresden, 
Dortmund 2c.; bekanntlich hat sich ihr Produkt weit über Deutschlands Grenzen ein 
gebürgert. 
Weiter sind die Ein- und Ausfuhrstellen, die Hafenplätze der Nord- und Ostsee, 
naturgemäß zu Standorten für die Verarbeitung und Veredlung der auf dem See 
weg eingeführten Rohstoffe, wie Roggen, Häute, Jute, Tabak, Reis, Kakao usw., 
geworden und werden dies immer mehr. An den mächtigen Fabriken, die für jene 
Zwecke in Hamburg, Bremen, Kiel, Stettin usw. errichtet worden sind, gibt sich vor 
läufig nur die Tendenz kund, in der sich die gesunde Entwickelung fortsetzen wird. 
In den Großstädten — vor allem in der Reichshauptstadt selbst — führte 
ein anderes Moment zur örtlichen Konzentration gewisser Industrien, nämlich das 
überreichliche Angebot billiger, namentlich weiblicher Arbeitskraft. Berlin beschäftigt 
in der Bekleidungsindustrie (hauptsächlich Konfektion) 100000, in der 
Metallindustrie 74000, in der Klavier- und Möbelfabrikation 
34 000, in den polygraphischen Gewerben 29 000 Personen. Überhaupt ist 
Berlin mit seinen 460 000 Arbeitern die mächtigste Industriestadt des Deutschen 
Reiches. Relativ mehr Arbeiterbevölkerung haben nur Dortmund mit 637, Barmen 
mit 596, Chemnitz mit 570, Aachen mit 537, Düsseldorf mit 552, Elberfeld mit 538 
Arbeitern und Familienangehörigen auf je 1000 Einwohner. 6 
Endlich haben wir, um ein Gesamtbild zu geben, noch einige Spezialitäten und 
ihre altrenommierten Fabrikationssitze zu erwähnen; so die Porzellanfabri 
kat i o n in Meißen und Berlin, den V u ch d r u ck und den P i a n o b a u in Leipzig, 
Berlin, Stuttgart, die Leder- und Lederwarenindustrie in Pirmasens, 
Offenbach, Berlin, Weißenfels, Siegen und Reutlingen, die Feinmechanik und 
Optik in Rathenow, Halle, Jena, München, Tuttlingen, die Zucker- und 
Schokoladenwarenfabrikation in Köln, Dresden und Stuttgart. 
Anmerkungen. 1. Im Jahre 1911 wurden in den Oberbergamtsbezirken Bonn, Breslau 
und Dortmund rund 17, 42,3 und 91,3 — rund 150,6 Millionen t Steinkohlen im Werte 
von 193,7, 372,4 und 888,4 — 1454,5 Millionen M gefördert. Vierteljahrshefte zur 
Statistik des Deutschen Reichs. Herausgegeben vom Kaiserlichen Statistischen Amte. 
21. Jahrgang, 1912. Zweites Heft. Berlin, Puttkammer & Mühlbrecht, 1912. S. 80. Die
	        
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