386 Dritter Teil. Industrie. II. Bausteine zur Würdigung der deutschen Industrie.
Spat-, Braun- und Roteisensteinen aus dem Siegerland, von der Lahn und Dill,
der Rasenerze aus Holland und Belgien erleichterte ein sich stetig ausdehnendes, weit
verzweigtes Eisenbahnnetz, wozu noch die teilweise Benutzung des Rheinstromes trat.
Auch hoffte man auf nachhaltige Eisenerzgewinnung, z. B. an Kohleneisenstein im
Bezirk selbst, was sich allerdings als Täuschung erwies. Der Schwerpunkt lag in
der Herstellung guten Puddelroheisens, womit die Mehrzahl der Hochöfen beschäftigt
war, und das in den zahlreichen Puddel- und Walzwerken der Gegend selbst und
auch über deren Grenze hinaus willige Abnehmer fand. Die Einführung des
Bessemerverfahrens veranlaßte den ersten Umschwung. Graues, phosphorfreies Roh
eisen wurde stark begehrt, für welches nur wenige Hütten geeignete Erze beschaffen
konnten. Das Ausland, namentlich der Bilbaobezirk in Nordspanien, bot Aushilfe,
die noch heute, auch für andere Roheisensorten, benutzt wird. Wenn auch die Walz
werke allmählich gelernt hatten, das billige Roheisen aus Luxemburg-Lothringen und
Ilsede zu verarbeiten, so trat jedoch die Bedeutung des phosphorhaltigen Roheisens
mit der Einbürgerung des Thomasverfahrens erst in ihrem ganzen Umfang auf.
Die Erzeugung an Thomasroheisen, welche mit der im Herbst 1879 gleichzeitig in
Hörde und Weiderich stattgehabten Aufnahme des Thomasprozesses ihren Anfang
nahm, ist seither auf über 9,3 Millionen t im Jahr gestiegen, während nur noch etwa
314 000 t Bessemerroheisen fielen, d. h. dreißigmal so viel Thomasroheisen als Besse
merroheisen. Es ist bekannt, daß die Erfindung der Engländer Thomas und Gilchrist
erst in Deutschland den praktischen Ausbau erfahren hat, und daß sie für letzteres Land
besonders segensreich geworden ist. In England hat sich das basische Birnenverfahren
nur für eine verhältnismäßig geringe Menge Flußeisen eingebürgert, während es
in den Vereinigten Staaten nur vorübergehend Boden gefunden hat. Dagegen geht
man in allen drei Ländern in steigendem Maße zum basischen Martinverfahren über,
um durch dieses die großen Mengen Erze zu verarbeiten, die zu viel Phosphor für
die sauren Prozesse und zu wenig für den basischen Konverterprozeß haben.
Preußen ist (1910) an der zolldeutschen Roheisenerzeugung mit 68,6 %,
dagegen an der Eisensteinförderung nur mit 13,6 % beteiligt.* **) ) Dieser Mangel
trifft hauptsächlich den Oberbergamtsbezirk Dortmund, der 34,7 % der Roh
eisenmenge Deutschlands, aber nur 1,4 % des Eisensteins liefert, und Ober
schlesien, wo nur etwa 20 % der verbrauchten Erze an Ort und Stelle gefördert
werden. In erster Reihe fehlt es hier an geeigneten Erzen für Thomasroheisen,
namentlich nachdem die vorhandenen Schlackenhalden aufgebraucht sind, so daß man
zu ausgiebigem Bezug von ausländischen Schlacken und Erzen hat übergehen müssen.
Die Bedeutung der Eisenerzzufuhr nach dem niederrheinischen Kohlenrevier
zeigen folgende Ziffern:
aus dem Auslande aus dem Inlands zusammen
1909 6 347 205 t (58 »/„) 4 479 204 t (42 °/„) 10 826 407 t
1910 war die Zufuhr noch sehr viel größer, etwa 12 Millionen t, wovon 8 Duis-
burg-Ruhrorter Hüttenwerke allein 8 059 808 1 aufnahmen. Diese Zunahme stützt
sich insbesondere auf die vermehrte Zufuhr deutsch-luxemburgischer Minette, die mit
etwa 3 Millionen t die schwedische Einfuhr nach dem Rheine bereits geschlagen hat.
Auch die französische Minette findet immer mehr Absatz am Niederrhein, was durch die
Ausdehnung des Minettetarifs auf die französischen Grenzstationen sehr begünstigt
wurde. Daß der Minetteverbrauch im Ruhrrevier noch nicht stärker zugenommen
hat, ist allein auf die hohen Frachtkosten zurückzuführen.
**) Das Eisengewerbe im Flußgebiet der Sieg und Lahn ist uralt, da alle
*) Die Prozentsätze des Jahres 1889 waren nach 75 bezw. 31,6 c /o-
**) Vgl. zu den beiden folgenden Absätzen oben Mollat S. 105 -110. — G. M.