Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

12  Erster  Teil.  Deutsche  Volkswirte,  Kaufleute  und  Industrielle.

Als  Vertreter  der  Buchhändler  auf  dem  Wiener  Kongreß  1815  hatte  Cotta  die
Forderung  der  Preßfreiheit  an  die  Spitze  aller  Wünsche  des  Buchhandels  gestellt:
„Wenn  es"  —  so  begann  seine  Eingabe  an  den  Kongreß  —  „vor  allem  das  Wichtigste
ist  und  durch  Verfassung  gesetzlich  begründet  werden  muß,  daß  Deutschland  in  seinem
Inneren  Festigkeit  und  gegen  das  Ausland  eine  geschlossene  Haltung  erlange,  so  erscheint ­
  uns  kein  Mittel  für  diesen  Zweck  so  gemäß  zu  sein  als  funjbedingte  Preßfreiheit,
wodurch  die  Fürsten  von  den  Gebrechen  des  einzelnen,  sowie  von  dem,  was  für  das
Ganze  notwendig  ist,  auf  das  sicherste  und  wahrste  in  Kenntnis  gesetzt  werden
können".  Er  hegte  auch  den  damals  nicht  unpraktischen  Gedanken,  Leipzig  zum
Mittelpunkt  der  Buchhandelspolizei  sowie  des  Schutzes  der  Schriftsteller  und  der
Gläubiger  gegen  unredliche  Verleger  zu  machen,  indem  der  Straf-  und  Entschädigungsangriff ­
  durch  das  Organ  des  Buchhändlervereins  auf  die  in  Leipzig  konzentrierten ­
  Lagervorräte  gemacht  werden  sollte.  Cotta  sollte  die  allgemeine  Preßfreiheit
nicht  erleben.  Ihm  war  die  widerlichste  Behandlung  durch  die  Zensur  bis  an  sein
Lebensende  befchieden.  Unter  den  Preßscherereien  der  Heiligen  Allianz  und  des
Deutschen  Bundestages  hat  Cotta  wohl  mehr  als  irgendein  anderer  Verleger  gelitten.
Nicht  bloß  mit  der  „Allgemeinen  Zeitung",  sondern  auch  mit  dem  „Morgenblatt"
und  mit  dem  „Ausland",  dann  mit  dem  kurzlebigen  „Inland",  das  in  der  Literarischartisüschen
  Anstalt  zu  München  unter  Wirths  Mitwirkung  im  Jahre  1830  einige
Zeit  erschienen  ist.
Soweit  es  damals  überhaupt  unabhängige  Tages-  und  Wochenblätter  gab,
waren  diejenigen  Cottas  die  bedeutendsten.  Sie  waren  ganz  im  Geiste  des  Eigentümers ­
  redigiert,  liberal,  aber  höchst  gemäßigt  in  der  Form,  auf  Wahrheit  und  allseitige ­
  Gerechtigkeit  gerichtet,  so  zahm  und  gehalten,  wie  es  mit  der  Unabhängigkeit
und  mit  liberaler  Gesinnung  überhaupt  verträglich  war.  Umsomehr  ergibt  die  Mißhandlung, ­
  welche  Cotta  durch  die  Zensur  erlitten  hat,  den  Maßstab  für  die  Ausschreitungen, ­
  welche  die  Heilige  Allianz  durch  die  Zensur  auch  gegen  die  bescheidenste
Frecheit  der  Geister  sich  erlaubt  hat.  Aus  der  quellenmäßigen  Anschauung  dessen,
was  man  damals  einem  Manne  wie  Cotta  bot,  lernt  man  daher  erst  ganz  die
Spannung  und  einmütige  Erbitterung  aller  anständigen  Leute  begreifen,  wie  sie
nachmals  in  den  Märztagen  von  1848  zur  Entladung  gekommen  sind.  Wenn  man
heute  über  den  1848er  Liberalismus  und  über  dessen  Übertreibungen  der  individuellen
Freiheit  auf  Kosten  großer  Gesamtinteressen  der  Gesellschaft  klagen  hört,  so  sollte  man
so  billig  sein,  zu  bedenken,  wieviel  die  vormärzliche  Reaktion  dazu  beigetragen  hat,
den  Liberalismus  zur  Einseitigkeit  zu  steigern.
Das  Verletzendste  war  die  Behandlung  im  Jahre  1831,  als  die  durch  die  Julirevolution ­
  geschaffene  liberale  Strömung  bereits  wieder  gestaut  wurde.  Cotta  hatte
der  Kunstliebe  des  Königs  Ludwig  zulieb  die  größten  Opfer  gebracht  und  ihm  zu  Gefallen ­
  in  seinem  Münchener  Kunstverlag  ganz  außerordentliche  Summen  gewagt  und
häufig  geopfert.  Er  hatte  dann  aus  Wunsch  der  freisinnigen  Minister  im  Jahre  1830
nicht  ohne  Widerstreben  das  „Inland"  als  „ministerielles  Blatt"  gegründet  und  zur
Vertretung  der  liberalen  Ideen  aus  seinem  Beutel  zur  Verfügung  gestellt,  ohne  auf
dieses  Blatt,  welches  die  Regierung  auch  durch  den  Zensor  in  der  Gewalt  hatte,  selbst
einen  fortlaufenden  Einfluß  zu  nehmen.  Am  7.  April  1831  noch  hatte  Graf  Armansperg
  den  damaligen  Hauptmitarbeiter  des  „Inland",  Wirth,  während  der  Sitzung  der
Stände  zu  sich  rufen  lassen  und  diesem  auf  das  dringendste  empfohlen,  sich  im  Kampf
gegen  die  Feinde  des  konstitutionellen  Prinzips  nicht  irremachen  zu  lassen  und  selbst
einer  Einsprache  Cottas  kein  Gehör  zu  geben,  da  er,  Armansperg,  für  die  Folgen
einstehen  werde;  dies  alles  berichtet  Cottas  Vertreter  in  München  in  einem  noch  vorhandenen ­
  Briefe  vom  8.  April  1831  an  den  Eigentümer  nach  Stuttgart.  Kaum  war
Cotta  nach  München  gekommen,  so  ließ  ihm  der  König  wegen  desselben  Blattes  seine
            
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