Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

7. Die Rübenzuckerindustrie. 
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als ängstlich gehütetes Geheimnis im Besitz einiger weniger Familien. Nun begann, 
unter der Anleitung von Liebig, Wühler, Bunsen, Hofmann u. a., die systematische, 
streng logische Erforschung der Ausnützung eines jeden Stoffes, insbesondere der 
Rückstände. Bald erlangte man darin eine des Erfolges sichere Gewandtheit; jeder 
Erfolg wurde sofort Gemeingut und zur Grundlage eines neuen schöneren. An den 
großartigen Laboratorien der Hochschulen und Großfabriken, in denen Tausende von 
Chemikern auf dem Wege des systematischen Forschens und Jndiehandarbeitens der 
Lösung der Probleme obliegen, begann eine gleichsam fabrikmäßige „Werkfort 
setzung",*) die rasch staunenswerte Erfolge zeitigte. 
Naturgemäß fehlte es auch nicht an unternehmungslustigen Männern, welche 
die Forschungsergebnisse durch Erstellung großer Fabrikslaboratorien in die Massen 
fabrikation überleiteten und nicht allein, wie die bescheidenen Anfänge, dem Bedarf 
der benachbarten Apotheken und Materialwarenhandlungen entgegenkamen, sondern 
die Deckung des Massenbedarfs der ganzen Welt übernehmen konnten. Die neuesten 
elektrochemischen und synthetischen Lösungen, wie die elektrolytische Gewinnung von 
Gold, Kupfer, Zink, die synthetische Darstellung der Parfümerien, die Herstellung des 
Saccharins und der konzentrierten Nährstoffe, die fabrikmäßige Gewinnung von 
Bakteriengiften, — all das sind, wie O. N. Witt mit Recht hervorhebt, Aufgaben, die 
nur eine Industrie ergreifen und lösen konnte, welche zu voller Größe und Sicherheit 
ausgereift war. 
Heute hat unsere Chemikalienindustrie, namentlich unsere Präparaten- und 
Farbwarenindustrie, die Führerrolle unter den chemischen Industrien der Welt. Und 
vorerst ist keine noch so geschickte Nachahmung, keine noch so große Kapitalkraft des 
Auslandes imstande, diese leitende Stellung zu erschüttern. 
7. Die Rübenzuckerindustrre. 
Von Hermann Paasch e. 
Paasche, Zuckerindustrie und Zuckersteuer. In: Handwörterbuch der Staatswissen 
schaften. Herausgegeben von Conrad, Elster, Lexis, Loening. 3. Aufl. 8. Bd. Jena, Gustav 
Fischer, 1911. S. 1068—1072. 
Die R ü b e n z u ck e r i n d u st r i e ist ein Kind deutschen Geistes und zählt ihre 
Lebensdauer erst nach Jahrzehnten, hat es aber verstanden, in dieser kurzen Zeit ihres 
Daseins sich zu einem der wichtigsten Faktoren in der Volkswirtschaft der mittel 
europäischen Staaten emporzuschwingen und mit ihren Erzeugnissen heute auf dem 
Weltmärkte dem bisherigen Alleinherrscher, dem Rohrzucker, den Rang abzulaufen. 
Der Chemiker Marggraf war es bekanntlich, der bereits 1747 in Berlin die 
bedeutsame Entdeckung machte, daß in den Runkelrüben ein dem Rohrzucker des 
sog. „indischen" Zuckers völlig gleicher Stoff enthalten sei. Aber fast ein halbes Jahr 
hundert blieb seine Entdeckung ohne praktische Resultate. Erst den rastlosen Versuchen 
und Bemühungen des geistvollen Fr. Karl Achard gelang es, die technische Ver 
wendung der deutschen Erfindung durchzusetzen. In der auf dem eigenen Gute 
Cunern in Niederschlesien errichteten ersten Rohzuckerfabrik Deutschlands begann er 
in bescheidensten Verhältnissen die Verarbeitung der gewonnenen Zuckerrüben, und 
es gelang ihm, die zahllosen Schwierigkeiten, die sich dem neuen Unternehmen in 
*) Von Friedrich List geprägter Ausdruck. List, Das nationale System der politischen 
Ökonomie 7. Aufl. Mit einer historischen und kritischen Einleitung von Eheberg. Stuttgart, 
3- G. Cotta, 1883. S. 246—252: Die Manufakturkraft und das Prinzip der Stetigkeit und 
Werkfortsetzung. — G. M.
	        
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