Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

412 Dritter Teil. Industrie. III. Arbeiterschutz und Arbeiterversicherung rc. 
III. Arbeitsschutz und Arbeiterverficherung, besonders in 
Deutschland. 
1. Das soziale Gewissen. 
Von Alfred Weber. 
Weber, Der Kampf zwischen Kapital und Arbeit. Tübingen, I. C. B. Mohr 
(Paul Siebeck), 1910. S. 77—81. 
Was heißt „soziales Gewissen"? Nun offenbar hat dieses Wort nur dann 
einen vernünftigen Sinn, wenn man damit ein aus tief innerlicher Überzeugung 
kommendes Streben aller, für alle einzutreten, versteht, ein Verzichten der Jnteressen- 
wünsche zugunsten der Gesamtwünsche, ein selbstloses Hingeben des Individuums 
für die Zwecke des sozialen Ganzen. 
Ist in dem Sinne das soziale Gewissen wirklich in unserer Zeit erwacht und 
lebendig? Man braucht nur auf das politische Leben der Gegenwart zu blicken, um 
zu sehen, daß Berufsinteressen, Erwerbsinteressen, egoistische Interessen jedenfalls mehr 
denn je zur Geltung kommen, so daß man schließlich denen zustimmen muß, die da 
sagen, daß der primitive Mensch, die alten Völker sozialer empfunden, geurteilt, 
gehandelt hätten als die heutigen. „Wenn es eine andere Tugend als die genossen 
schaftliche, d. h. die staatserhaltende Tugend im alten Hellas überhaupt nicht gab, wenn 
das Zunftleben die Glanzseiten hatte, mit denen seine Lobredner es ausstatten, so 
empfinden wir heute sicher minder sozial, als man es fünf Jahrhunderte vor Christi 
Geburt und fünf Jahrhunderte vor unserer Zeit tat" (Jul. Wolf). 
Will man Beweise für wahrhaft soziale Gesinnung eines ganzen Volkes in einer Zeit, 
wo man so viel darüber spricht, so muß man in die Ferne schweifen, auf ein Land hin 
weisen, wo man noch wenig von dem „sozialen Gewissen" r e d e t, auf I a p a n! In der 
Deutschen Revue veröffentlicht eben (Mai 1910) Freiherr A. v. Siebold persönliche Erinnerungen 
an den Fürsten Jto. Dabei kommt er auch auf dessen Hauptwerk zu reden: die Abschaffung 
des Feudalsystems, deren Wirkung Siebold so schildert: „Die japanische Revolution war eine 
viel mächtigere als die französische. Sie war keine blutige; — denn mit wenigen Ausnahmen, 
wie z. B. des Aufstands in Satzuma, der allerdings einen größeren Umfang annahm, wurden 
die Unruhen leicht unterdrückt — aber die Anzahl der Familien, die plötzlich in das tiefste 
Elend gestürzt worden waren, war unbedingt größer als in Frankreich, und doch hörte 
man kaum eine Stimme, die widersprach, kaum eine Klage. Das 
Vaterland erforderte die Opfer, und der Untertan war bereit, sie 
zu bringen. Der Japaner, der diese Zeit durchgemacht, hat nicht nur für sein Vater 
land gekämpft, sondern auch gedarbt. Die leitenden Staatsmänner hatten wohl gewußt, was 
sie von ihrem Volke verlangen durften". 
Richtig ist nur, daß das soziale Gewissen in den Industriestaaten der Gegenwart 
nach einer bestimmten Richtung hin lebendig geworden ist, allerdings nach einer 
Richtung hin, wo das besonders notwendig war. Nicht alle sozialen Mißstände 
werden heute als „brennende Schmerzen" empfunden, sondern vorwiegend nur die 
jenigen wirklichen oder angeblichen Mißstände, die das Interesse der industriellen 
Arbeiterschaft betreffen. Die Einseitigkeit dieses sozialen Gewissens zeigt schon, daß es 
sich nicht sowohl auf innere als vielmehr auf äußere Gründe aufbaut. 
Woher sollten denn auch diese inneren Gründe kommen? Man könnte ja 
daran denken, daß die neue Zeit und ihre Ideen dem Altruismus, der Näch- 
st e n l i e b e neue Kraft und neue Anregung gegeben haben; daß sie für religiöse 
und patriotische Erwägungen nicht günstig war, wissen wir. Aber welche 
neuen Verhältnisse, welche neuen Ideen wären dazu imstande gewesen? Es
	        
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