9. Friedrich List. Charakteristik.
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konnte die politische erfolgen. Friedrich List wollte die Zollgrenze nicht nur auf das
heutige Deutsche Reich, sondern auch auf die österreichischen Länder erstreckt wissen.
Die politischen Verhältnisse haben solche Ideen vereitelt. Aber erinnern uns nicht die
verschiedenen Bestrebungen, einen mitteleuropäischen Wirtschaftsverein zu gründen,
an Ideen Lifts, der bereits in den dreißiger Jahren die zukünftige Rolle der Ver
einigten Staaten im internationalen Wirtschaftsleben ahnte?
Und sodann Lifts Tätigkeit im Eisenbahnwesen! Auch hier wird sein Name
dauernd mit den schwierigen Anfängen verbunden bleiben. Gewiß wären auch ohne
ihn Schienenstränge durch Deutschland und Österreich gezogen worden; aber daß
bereits im Jahre 1833 die erste große Verkehrsbahn Deutschlands, die Leipzig-Dres
dener, geplant und am 1. März 1836 der erste Spatenstich an dieser Bahn getan
wurde, ist doch sein Verdienst. Freilich, die Zeitgenossen selbst und die Schrift, welche
die ehemalige Leipzig-Dresdener Eisenbahnkompagnie im Jahre 1864 zur Feier des
25jährigen Jubiläums der Eröffnung der ganzen Strecke herausgegeben hat, glaubte
anderen Männern die Palme des Verdienstes zuerkennen zu sollen. Aber die Ge
schichte ist hier, wie häufig, über angemaßte Ansprüche hinweggeschritten und hat den
Ruhm des Mannes, der schon 1824 in der Gefangenschaft auf Hohenasperg sich mit
dem Eisenbahnwesen beschäftigte, der 1829 in den Wildnissen der „Blauen Berge"
von einem deutschen Eisenbahnsystem träumte, wiederhergestellt. Ganz neue ahnungs
volle Gedanken über die Zukunft seines Vaterlandes gingen schon damals dem in die
Ferne Gebannten auf. Er fühlte die belebende Kraft eines über ganz Deutschland
ausgedehnten Eisenbahnbetriebes voraus, er sah im Geiste die mächtigen Wirkungen
desselben sowohl auf die dereinstige Einigung des Vaterlandes wie auf die Stärkung
der Nationalverteidigung und die Beförderung aller Kultur und Gesittung.
9. Friedrich Lift. Charakteristik.
Von Ludwig Häusser.
H ä u s s e r, Friedrich Lifts Leben. In: Friedrich Lifts gesammelte Schriften, heraus
gegeben von Hausier. 1. Teil. Stuttgart und Tübingen, I. G. Cotta, 1850. S. 403-408.
Friedrich List ist der erste Mann in Deutschland, der ohne Amt, ohne Titel,
ohne offizielle und gelehrte Gevatterschaft allein durch die Unerschöpflichkeit seiner
geistigen Mittel, die zähe Kraft seines Willens, die populäre, eindringliche, beredte
Gabe seines Wortes sich eine selbständige Macht erschuf. — ein Beginnen, das in
jedem andern Lande schwer, in Deutschland aber ganz ohne Vorgang war. Er wurde
zu einer Macht, die bei aller seiner persönlichen Isolierung über Blätter, Parteien»
gesetzgebende Versammlungen gebot, die den alten Schlendrian der Bureaus und
Kontors in Aufregung brachte, Ministerien beunnihigte und diplomatische Korre
spondenzen beschäftigte. Es verband sich in ihm, um dies Ziel zu erreichen, ein Un
gestüm und eine Heftigkeit des Strebens mit einer Geduld des Ausharrens, wie sich
selten zwei solche Gegensätze in einer Natur Zusammenfinden. Unermüdlich hämmerte
er auf dasselbe Ziel los, faßte denselben Gedanken an hundert verschiedenen Punkten
auf und besaß in einer zerfahrenen und zersplitterten Zeit die ungemein seltene
Eigenschaft, sich auf e i n Ziel mit der ganzen Kraft seines Geistes zu konzentrieren
und der einen Grundidee, die ihn erfüllte, die ganze Tätigkeit seines Lebens zu
widmen. In unserer, an öffentlichen Charakteren nicht überreichen Zeit war eine so
kraftvolle, scharf ausgeprägte Persönlichkeit etwas doppelt Schätzenswertes, zumal
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