9. Aus der Geschichte der deutschen Kolonialpolitik.
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Das letzte Drittel des 18. Jahrhunderts brachte den die Salzsee befahrenden
Deutschen, d. h. vor allem den Bremern und Hamburgern, die Möglichkeit eines
legitimen westindischen Handels. In den sechziger Jahren eröffneten die Dänen
St. Thomas, wo sich dann bald der Charlotte-Amalie-Hafen zur internationalen Post
station für ganz Westindien entwickelte. Frankreich, von England schwer bedrängt,
ließ kurz darauf unter gewissen Einschränkungen fremde Schiffe in seinen Zuckerinseln
zu. Dazu kam, daß Spanien von 1765—1788 allmählich allen Spaniern und allen
spanischen Häfen den Verkehr mit den amerikanischen Kolonien gestattete und damit
erweiterte Möglichkeiten eines gewinnbringenden Schmuggels schuf. 1776 wurde in
Bremen die erste Zuckerraffinerie eröffnet durch einen Unternehmer, der selbst in
Westindien gewesen war, um dieselbe Zeit blühen hier die Tabaksmanufakturen auf,
die zuerst um 1650 erwähnt werden.
Das große Ereignis aber dieser Zeit war die Empörung der dreizehn englischen
Kolonien. Auch bei dieser Gelegenheit wurde den Hanseaten klargemacht, daß sie
nicht Seemächte, sondern Handelsrepubliken seien. Auf Veranlassung des britischen
Residenten wurde im Jahre 1776 ein Schiff in Hamburg von Senats wegen an die
Kette gelegt, weil es „Rebellen", d. h. Nordamerikanern, gehöre. Erst nach Wochen
ward es freigegeben nach einem feierlichen Eide der Befrachter, daß dies nicht der
Fall fei.
Als aber der amerikanische Krieg dem Ende zuging, traten noch im Jahre 1782
zur Erschließung des neuen Handelsgebietes unternehmende Kaufleute in Hamburg
zusammen. Ihr Sendbote überbrachte einen Brief an den Kongreß mit einem Glück
wunsch zu der Befreiung, dem „erhabenen Ereignis, dem Wunder dieser und der
spätesten Zeiten", und am 20. April 1783 ging das „erste Schiff, genannt Elise Ka
tharina, Capitän Peter Kratz, seitdem die 13 vereinigten Provinzen in Nordamerika
von England frey erkläret worden, von hier nach Charlestown und Philadelphia in
See". Bald ließen sich Hamburger und Bremer und auch andere deutsche Kaufleute
in Amerika nieder. Baltimore, der große Markt für die Virginia- und Maryland-
Tabake, und Charleston, der Ausfuhrplatz des Karolina-Reises, wurden bevorzugt von
Kaufleuten, die nach erfolgreicher Arbeit in die Heimat zurückkehrten.
Und nun erfolgte ein rascher Aufschwung des transatlantischen Handels der
Hamburger und Bremer. 1792 erklärten die Kommerzdeputierten dem Senat, „daß
Hamburg so gut wie England, Holland, Frankreich und Spanien den Kaffee sowohl
wie auch die mehresten der übrigen westindischen Produkte direkt aus Amerika
kommen lasse". Direkt bezogener Tabak und Reis werden Bremer Stapelartikel.
Dafür gehen dann als Zahlung schlesische Linnen und sächsische Strumpfwaren direkt
nach Amerika, und der Bericht über die Leipziger Ostermesse von 1796 stellt fest, daß
die unmittelbaren Seeverbindungen „absonderlich für Hamburg und demnächst für
Bremen von großer Wichtigkeit, auch selbst für hiesige Lande keineswegs gleich
gültig sind".
So bildeten die letzten Jahre des 18. Jahrhunderts einen Höhepunkt für den
deutschen Überseehandel.
Hatte das ausgehende 18. Jahrhundert unseren Kaufleuten den Zutritt nach
Nordamerika gebracht, so hatte das beginnende 19. ihnen die Pforten des romanischen
Teiles der neuen Welt geöffnet. Als 1807 zur Durchführung der Kontinentalsperre
französische Heere in die iberische Halbinsel einrückten, war das Haus Braganza nach
Rio entflohen, und Brasilien wurde ohne ernste Zuckungen aus einer portugiesischen
Kolonie ein selbständiges Kaiserreich mit offenem Auslandshandel. Gleichzeitig be
gann der Freiheitskampf der Kreolen im spanischen Amerika, wo sofort als Helfer in
der Not und gewinnsuchende Kaufleute Nordamerikaner und Engländer in Buenos
Aires und anderen Plätzen erschienen. Die Hanseaten mußten noch 1815 auf eine