468 Vierter Teil. Weltwirtschaft und Handelspolitik. II. Industriestaat.
Die heute übliche Pflege der Exportindustrie ist eine kurzsichtige Politik nach dein
Herzen des Kapitals. Die wachsende exportindustrielle Bevölkerung findet in einer
nicht fernen Zukunft weder Absatz für ihre Produkte noch Brot für ihre Existenz.
Das Brot wird zunächst verteuert werden; aber bei sinkendem Werte des Exports und
bei abnehmender Zinszahlung von seiten des Auslandes wird das Brot nicht einmal
zum alten Preise bezahlbar sein. Die Brotländer werden in der Lage sein, der alten
Welt ihre Bedingungen zu diktieren. Nur durch politischen Zwang wäre dieser
Abhängigkeit zu entgehen, dadurch also, daß wir mit Waffengewalt Amerika zwingen,
uns länger Getreide zu liefern, als seinem wirtschaftlichen Interesse entspricht. Das
heißt, wir müßten die wirtschaftlich aufstrebenden Staaten zwangsweise auf der Stufe
des Agrarstaats zurückhalten. Ich kann mir schlechterdings kein Bild davon machen,
wie das geschehen soll, und halte auch den wahrscheinlichen Erfolg einer Messung der
Kräfte für ungünstig: nicht weil wir an sich die Schwächeren wären, sondern weil wir
in diesem Kampfe die idealen Mächte gegen uns hätten: das berechtigte Streben nach
nationaler Entwicklung.
Die andere Konsequenz ist die Arbeitslosigkeit und Brotlosigkeit der export
industriellen Bevölkerung, und zwar, was zu betonen ist, eine plötzliche Brotlosig
keit, und ferner, unter der Voraussetzung, daß es noch eine Anzahl Jahrzehnte bis
dahin Zeit hat, eine plötzliche Brotlosigkeit ungeheurerMassen. Gerade in der
Plötzlichkeit liegt hier die schlimmste Verschärfung der Gefahr. Diese Plötzlichkeit aber
ist nicht nur möglich, sondern ist wahrscheinlich, weil die wirksamen Faktoren, die die
Zuspitzung der Konkurrenz bedingen, ihrer Natur nach sich gegenseitig zu beschleunigtem
Tempo steigern. Man nehme einmal an, Amerika sei nach so und so viel Jahren
so weit, Europa entbehren zu können; die betreffende Partei gewinnt die Mehrheit,
und mit amerikanischer Raschheit wird ein eigentlicher Prohibitivzoll errichtet. Die
verschärfte Konkurrenz, die sich daraus zwischen den andern Staaten gegenseitig ergibt,
führt zu weiteren Schutzzollbarrieren, die wieder für die übrigbleibenden die Sach
lage verschlimmern, und so geht wie ein elektrischer Schlag die plötzliche Abschließung
und die allgemeine Deroute um die Welt herum, — vergleichbar etwa der auch durch
internationale Gegenstöße erfolgten plötzlichen Silberentwertung der letzten Jahr
zehnte. Wenn wir dann eine exportindustrielle Bevölkerung von 30—40 Millionen
Menschen haben, die in den wenigen Jahren oder Jahrzehnten arbeitslos wird, —
dann ist es zu spät, den Bau unserer Volkswirtschaft schnell genug umzubauen, es be
dürfte dafür der stetigen Arbeit von Generationen, und nicht früh genug kann damit
begonnen werden.
Wäre ich Geschäftsmann und an die Denkweise dieser großbürgerlichen Kreise
gewöhnt, und man fragte mich über Exportpolitik, so würde ich ohne Besinnen ant
worten: Selbstverständlich, frisch zu, nur Mut! Fragt man mich aber als verantwort
lichen Reichsbürger, so kann ich nur warnen.
Zweifellos wird man diesen Standpunkt kleinmütig schelten: man müsse Großes
wagen, um Großes zu erreichen. Dem alten Brandenburg-Preußen habe es auch
niemand zugetraut, daß es Weltmacht werden würde; ohne etwas Dreistigkeit bleibe
man Philister. Wer dürfe eine solche kleinmütige Sprache in England führen? —
Nun, man muß auch den Mut haben, kleinmütig zu scheinen. Gerade der e n g l i s ch e
Nachbar wird nicht mehr lange in der Lage sein, in großen Worten uns als Vorbild
zu dienen, weil er eben auf der abschüssigen Bahn viel weiter fortgeschritten ist als
wir. Und ob wir noch so sehr Deutschlands Größe und Weltmacht wollen und Eng
land beneiden, — eins ist es, was wir dem Engländer mit Recht oder Unrecht nach
sagen, ohne es als nachahmenswert hinzustellen: das ist nicht seine Größe, sondern
seine Vreitspurigkeit, in rücksichtsloser Zertretung fremder Rechte in allen
fünf Weltteilen. Die Ablehnung solcher Vreitspurigkeit gälte selbst dann, wenn wir