Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

3.  über  die  Bedeutung  einer  Industrialisierung  der  heutigen  Rohstoffstaaten  rc.  473
setzungen  der  Industrie  in  diesen  drei  Ländern  gleichstanden,  müßte  der  Schwerpunkt
dort  in  andere  Industrien  fallen  wie  hier.
In  Italien  und  in  der  Schweiz  fehlen  Eisen-  wie  Brennstoffvorräte,  —  trotzdem
ist  die  Schweiz,  dank  des  Reichtums  an  Wasserkräften,  einer  der  führenden  Industriestaaten ­
  geworden;  aber  sie  betreibt  andere  Industrien  wie  England  usw.
Spanien  wie  Rußland  haben  Kohlen-  und  Eisenerze,  aber  das  Lagemoment
steht  hier  ungünstig;  in  Nordamerika  weit  günstiger.  Mag  fein,  daß  in  Südamerika
wie  Asien,  wie  Afrika,  wie  Australien  „die  natürlichen  Voraussetzungen  der  Industrie" ­
  .  .  .  „in  Hülle  und  Fülle  vorhanden  sind",  —  in  jedem  Lande  liegen  sie  verschieden, ­
  und  diese  Verschiedenheit  führt  dahin,  daß  hier  vorzugsweise  diese,  dort  vorzugsweise ­
  jene  Industrien  gepflegt  werden.
Zweitens  aber:  selbst  wenn,  was  das  „Brvt  der  Industrie"  anlangt,  die  Territorien ­
  des  Erdballs  sich  glichen  wie  ein  Ei  dem  anderen,  so  würde  ihre  Fabrikation
durchaus  nicht  gleiche  Bahnen  wandeln.  Denn  nicht  jene  Hilfsstoffe,  so  wichtig
sie  auch  sind,  entscheiden  über  die  industrielle  Physiognomie,  sondern  die  Rohstoffe,
  die  der  Verarbeitung  sich  darbieten.  Hinsichtlich  der  Rohstoffe  aber  —  der
agrikolen  wie  der  montanen  —  sind  die  Territorien  unendlich  ungleich  ausgestattet.
Schon  die  westeuropäischen  Industriestaaten  weisen,  auf  engem  Raume,  starke  Verschiedenheiten ­
  auf,  z.  B.  hinsichtlich  der  Produktionsbedingungen  von  Weizen,  Roggen,
Gerste,  Zuckerrüben,  Kartoffeln,  Flachs,  Holz,  Blei,  Kupfer,  Zinn,  Zink  usw.
Beträchtlich  größer  ist  die  Differenz  zwischen  Westeuropa  und  dem  übrigen
Europa.  Noch  weit  größer  die  Differenz  zwischen  den  Ländern  der  gemäßigten  Zone
und  denen  der  Subtropen  und  der  Tropen.
Gewiß,  die  tropischen  Länder  beginnen  zu  fabrizieren,  —  genauer  gesprochen:
sie  haben  schon  seit  Jahrtausenden  damit  begonnen  und  haben,  Indien  und  China
wenigstens,  ihre  Manufakte,  vor  allem  höchstwertige  kunstgewerbliche  Produkte  der
Textil-,  der  Metall-,  der  keramischen  Industrie,  nach  Europa  gesandt  und  im  Austausch ­
  hauptsächlich  Silber  daher  empfangen.  Die  Industrie  in  gewissen,  d.  h.
den  dichtbesiedelten  und  kulturell  entwickeltsten  Gebieten  der  heißen  Zone  ist  kein
Novum.  Ein  Novum  ist  nur,  daß  diese,  nachdem  sie  eine  Reihe  von  Dezennien  hindurch ­
  gewisse  Produkte  der  modernen  westeuropäischen  Grotzgewerbe  in  größeren
Mengen  importiert  hatten,  jetzt  anfangen,  einige  derselben  selbst  zu  erzeugen,  unter
Anwendung  der  neuen  Technik.
Aber  was  für  Indien  und  China  und  Japan  gilt,  gilt  —  vorläufig  —  nicht
für  die  tropischen  Kolonial  länder.  Wo  ist  denn  in  den  Inseln  des  Stillen  Ozeans
—  in  Zentralamerika,  in  Brasilien,  in  Peru  usw.  —  in  Afrika,  selbst  einschließlich
Kaplands  —  in  Australien  (soweit  es  der  heißen  Zone  angehört)  die  Industrie?
Einzelne,  ganz  wenige  Gewerbe  sind  hie  und  da  durch  Schutzzölle  mühsam  aufgezüchtet, ­
  mit  größtenteils  kläglichem  Ergebnis.  Solange  diese  an  Naturschätzen  so
reichen  Länder  arm  bleiben  an  Arbeitskräften  und  Kapitalien,  werden  sie  trotz  der
neuen  Technik,  trotz  der  Möglichkeit,  westeuropäische  Maschinen  und  Werkmeister  sich
kommen  zu  lassen,  Nohstoffstaaten  bleiben,  —  wenn  sie  klug  sind.
Die  ostasiatische  Industrie  wird  weiter  fortschreiten,  in  den  arbeits-  und  kapitalarmen ­
  Kolonialländern  wird,  nachdem  die  Bevölkerung  und  der  Wohlstand  auf  ein
gewisses  Niveau  gestiegen,  die  Industrie  emporkommen,  wie  sie,  als  diese  Bedingung
erfüllt  war,  im  Osten  der  Vereinigten  Staaten  von  Amerika  emporgekommen  ist.
Aber  werden  die  konkreten  Industrien,  die  dort  betrieben  werden  werden,  die
gleichen  sein  wie  die,  welche  Westeuropa  dann  betreiben  wird?  Und  wird  dort
„Industrie"  in  so  beträchtlichem  Umfange  betrieben  werden,  daß  der  Import  aus
Westeuropa  wesentlich  zurückgeht?
Beides  ist  im  höchsten  Grade  unwahrscheinlich.
            
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