476 Vierter Teil. Weltwirtschaft und Handelspolitik. III. Sonstige Kernfragen.
115 Schilling erzielt wurde, deckt dieser Preis nicht die Kosten. Es ist also für
Deutschland keine Gefahr, daß, wie man gescherzt hat, der Konsum seines Hochheimer
durch den von Cochheimer in England ersetzt werde. Vielmehr ziehen bei so hohem
Preise es die Engländer vor, sich den Wein, den sie trinken, durch Hinaussenden von
Baumwoll- und Wollenwaren, von Eisen, Maschinen, Kohle und anderen Produkten,
deren Herstellung ihnen Gewinn bringt, aus Portugal, Spanien, Frankreich, Italien
und Deutschland zu verschaffen. Allein sie beziehen aus dem Ausland nicht bloß Wein,
den sie zu Hause nur teurer herstellen könnten. So sind die Baumwollindustrie Lancashires
und die Wollindustrie Porkshires sowie die Hartwarenindustrie Birminghams
berühmt. England vermöchte wohl seinen ganzen Bedarf an baumwollenen und
wollenen Garnen und Geweben und an Hartwaren sowie alles, was es an andere
Länder davon verschleißt, selbst herzustellen. Aber trotzdem beziehen die Engländer
starke Baumwoll- und Wollgarne und gröbere Gewebe und Solinger Waren aus
Deutschland, dem sie andere Qualitäten von Baumwollgarnen, Roheisen, Maschinen
überwiegend aus Gußeisen, Steinkohlen, hartes Kammgarn, andere Wollgarne dafür
schicken. Wie kommt dies? Halten wir uns bei der Beantwortung an die Baumwollgarne.
Vermöge seines feuchten Klimas hat Lancashire besondere Produktionsvorteile
bei der Herstellung der feineren Nummern der Baumwollgarne. Bei ihrer
Herstellung macht es den größten Gewinn. Obwohl es sämtliche gröberen Nummern
Baumwollgarn, die es selbst braucht oder an andere Völker verkauft, selbst herstellen
könnte, zieht es doch vor, einen großen Teil derselben von Deutschland gegen seine
feineren Baumwollgespinste einzutauschen. Denn auf diese Weise wirft seine Produktivkraft
die größten Überschüsse ab. Wollte es dagegen seinen ganzen Bedarf an
starken Baumwollgarnen selbst decken und zu dem Zweck etwa gar die Einfuhr starker
Garnnummern aus Deutschland durch einen Schutzzoll ausschließen, so könnte dies
seinen bei der Herstellung und dem Verkauf feiner Nummern erzielten Gewinn und
die höchstmögliche Verwertung seiner Produktivkraft nur schmälern. Dieser systematischen
Konzentration seiner Produktivkräfte auf die Produktionszweige, welche die
höchsten Überschüsse über die aufgewendeten Kosten abwerfen, verdankt England die
alles übertreffende Zunahme seines Reichtums in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Wie aber verhält es sich mit jenem „extremen Fall" (v. Mayr), in dem das
Ausland sich als der ökonomisch günstigere Standort für alle Arten der Produktion
darstellt und den gesamten Weltbedarf zu liefern vermag? Führt der Freihandel hier
nicht folgerichtig zur Entvölkerung des Vaterlandes und Ansiedelung seiner Bewohner
im produktions-geeigneteren Ausland? Ganz gewiß; auch hat die Menschheit von
jeher in so extremen Fällen jene Folgerungen gezogen. So ist die Ungunst der Produktionsbedingungen
die Ursache, warum die Polargegenden unbewohnt und Wüstengegenden
nur schwach bewohnt sind, warum in vergangenen Zeiten die Völker ihre
Heimat regelmäßig verließen, sobald deren Produktionsbedingungen für sie unzureichend
wurden, und warum die Ansiedelung in neuen Ländern in dem Maße stattgefunden
hat, als sie günstigere Existenzbedingungen boten. Und der Erfolg liefert,
weit entfernt von einer Widerlegung, vielmehr eine Bestätigung der Richtigkeit des
Freihandelsprinzips. Es war dies nämlich nicht nur im Interesse der fortschreitenden
Kultur des Erdballs, sondern auch der betreffenden Nationen. Solange sie noch
keinen anderen Produktionszweig als die Landwirtschaft kannten und Handel und
Industrie noch gänzlich unentwickelt waren, hatten sie, als ihre Bevölkerung zunahm,
gar keine andere Wahl, als auszuwandern oder zu verhungern. Von dem Augenblick
aber, da sich in den Ländern, die sie heute innehaben, Handel und Industrie zu
entwickeln begannen, wurde das Vorkommen jenes „extremen Falls", daß ein Land
hinsichtlich sämtlicher Produktionsbedingungen hinter dem Ausland zurücksteht, einfach