Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

2. Vom Schutz der nationalen Arbeit. 
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unmöglich. In dem Maße nämlich, in dem Handel und Industrie sich entwickeln, 
nimmt die Bevölkerung, die sich auf einem gegebenen Gebiete ernähren kann, zu, und 
damit differenzieren sich die Produktionsbedingungen für die einzelnen Produktions 
zweige. Der Boden wird teuer, die Arbeitsleistung relativ billig, der Kapitalzins 
finkt. Damit wird beispielsweise der Getreidebau, der, solange der Boden billig ge 
wesen, rentabel war, unrentabel, während seitens der gestiegenen und wohlhabend 
gewordenen Bevölkerung eine Nachfrage entsteht, welche die Herstellung qualifizierter 
landwirtschaftlicher Produkte sowie die Rohstoffverarbeitung rentabel macht; dagegen 
wird in den unentwickelten Ländern die Ausfuhr des auf ihrem billigen Boden ge 
bauten Getreides vorteilhaft. Ein jedes Land erzielt mit seinen Produktivkräften nun 
in dem Maße Gewinn, in dem es seine Produktion auf die Produktionszweige kon 
zentriert, welche die größtmöglichen Überschüsse abwerfen, und mittelst dieser seiner 
Produkte anderen Ländern die Produkte abkauft, die es durch solchen Umtausch 
billiger erhalten kann, als es sie selbst herstellen könnte. Je größer die Überschüsse 
sind, welche einem Lande die in ihm betriebenen Produktionszweige abwerfen, desto 
größer ist der Vorteil, den es von diesem internationalen Umsätze zieht, desto größer 
sein Anteil an der Weltproduktion. 
Damit ein jedes Land möglichst rasch den Produktionszweigen sich zuwende, 
deren Produkte ihm die größtmöglichen Überschüsse über die aufgewendeten Kosten 
abwerfen, haben nun Hamilton in Nordamerika, Graf Chaptal in Frankreich und 
Friedrich List in Deutschland vorübergehende Schutzzölle befürwortet, um das Inland 
in den Erwerbszweigen, in denen es nur aus historischen Ursachen — wegen Kapital 
mangels oder noch fehlender Arbeitsgeschicklichkeit — hinter der Produktion anderer 
Länder zurücksteht, zur Konkurrenzfähigkeit mit dem Ausland zu erziehen. Hier 
werden den Konsumenten allerdings Opfer im Interesse gewisser Produktionszweige 
zugemutet, aber nur vorübergehend; auch hat der Konsument hier den Trost, daß sein 
Opfer wirklich der Gesamtheit, deren Produktivkraft erhöht wird, zugute kommt. Wo 
es dagegen ausgeschlossen war, daß ein Erwerbszweig durch jene Opfer zur freien 
Konkurrenzfähigkeit mit dem Ausland erzogen werden könne, wo demnach der staat 
liche Schutz nichts anderes bedeutet als die dauernde Benachteiligung der Mehrzahl 
zugunsten weniger, haben die Genannten alle künstlichen Maßnahmen zu deren Schutz 
aufs entschiedenste verurteilt. Daher denn auch der Satz Friedrich Lifts: „Die innere 
Agrikultur durch Schutzzölle heben zu wollen, ist ein törichtes Beginnen". 
Hamilton, Chaptal und List fühlten sich in bewußtem Gegensatz zu Adam Smith, 
und in der Tat hat dieser Erziehungszölle ausdrücklich abgelehnt. Allein auch ihr 
Ziel war die freie Konkurrenz der zur Konkurrenzfähigkeit erzogenen Erwerbszweige 
auf dem Weltmarkt. Die innere Konkurrenz der gegen das Ausland geschützten 
nationalen Betriebe sollte diese zur Konkurrenzfähigkeit mit dem Ausland erziehen, 
worauf der Schutz wegfallen sollte. Auch Lifts Ziel war also der Freihandel. Daher 
so ausgesprochene Freihändler wie I. B. Say und John St. Mill sich seiner Befür 
wortung von Erziehungszöllen angeschlossen haben. 
2. Vom Schutz der nationalen Arbeit. 
Von Wilhelm Heinrich Riehl. 
Riehl, Die deutsche Arbeit. 3. Ausl. Stuttgart, I. G. Cotta, 1884. S. 90—95. 
Ein bei gar vielen hochverpöntes Wort, das aber doch ein gutes Wort ist, wenn 
man es nur recht gebraucht, heißt: „Schutz der nationalen Arbeit". Schlagwörter, 
melche andauernd einen solchen Zauber üben, wie ihn der Ruf nach „Schutz der
	        
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