Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

492  Vierter  Teil.  Weltwirtschaft  und  Handelspolitik.  IV.  Deutsche  Handelspolitik.

Unternehmungen.  Die  Weberei  beschäftigte  zwar  in  Bayern,  in  Württemberg  und
Baden  einen  großen  Teil  der  ländlichen  Bevölkerung,  es  wurde  wohl  Leinwand
exportiert:  allein  die  bei  weitem  überwiegende  Quantität  derselben  diente  dem  inländischen ­
  Verbrauch;  der  Landmann  betrieb  die  Leineweberei  als  Nebenbeschäftigung. ­
  Den  Twist  bezog  man  so  wohlfeil  als  möglich  aus  dem  Auslande;  ebenso  die
Baumwollwaren.  Für  Süddeutschland  waren  Italien,  die  Schweiz,  Frankreich  wichtige ­
  Absatzgebiete,  besonders  für  seine  Agrarprodukte;  für  Norddeutschland  lag  der
Schwerpunkt  des  Exportes  in  Holland  und  England.  Insbesondere  erkannten  die
Redner  der  Opposition  in  Württemberg  zwar  die  Verkehrsfreiheit  unter  den  deutschen
Staaten  als  wünschenswert  an,  jedoch  nur,  soweit  als  die  materiellen  Interessen
Württembergs  nicht  darunter  litten.  Der  Aktivhandel  des  Landes,  sagte  man,  sei  auf
Frankreich  und  die  Schweiz  angewiesen  und  könne  durch  den  Anschluß  an  Preußen
nicht  viel  gewinnen;  auch  würde  die  noch  junge  Industrie  Württembergs  zu  schwer
durch  Verbrauchssteuern  belastet  und  der  übermächtigen  Konkurrenz  der  preußischen
Rheinprovinz  preisgegeben.
Als  nun  die  Frage  zu  lösen  war,  ob  und  in  welcher  Weise  Süddeutschland
mit  dem  nördlichen  Deutschland  zu  einem  gemeinsamen,  für  alle  Länder  gleichen  Zollsystem ­
  sich  vereinigen  könnte,  traten  die  in  den  Lebens-  und  Verkehrsverhältnissen  der
beiden  Länderkomplexe  gelegenen  Schwierigkeiten  hervor  und  äußerten  sich  besonders
nach  zwei  Seiten  hin.
Einmal  waren  die  Objekte  der  Besteuerung  und  der  Steuersuß  ein  anderer.
Preußen  besteuerte  den  Wein;  Süddeutschland  besteuerte  den  inländischen  Wein  gar
nicht  oder  geringer,  verzollte  dagegen  den  ausländischen  sehr  hoch.  Dagegen  war
hier  das  Bier  stärker  besteuert  als  dort.  Man  mußte  hier  ein  Ausgleichungsmittel
finden.  Zum  zweiten  hatten  die  drei  süddeutschen  Staaten  bis  dahin  im  ganzen
einen  niedrigeren  Tarif  für  ausländische  Industrien,  aren  gehabt  als  Preußen  in
seinem  Zollgesetz  von  1818.  Das  ist  erklärlich  aus  den  eben  angeführten  Verschiedenheiten ­
  der  beiden  Ländergruppen  in  wirtschaftlicher  Beziehung,  aus  der  Tatsache,
daß  die  süddeutschen  Staaten,  was  die  Lebensmittel  betraf,  wenig  vom  Ausland
brauchten,  daß  sie  die  Fabrikwaren  dagegen,  mangels  großer  eigener  Unternehmungen, ­
  gerne  billig  vom  Ausland,  vor  allem  aus  dem  Elsaß  und  der  Schweiz  bezogen; ­
  nur  die  Weberei,  vor  allem  die  künstlich  entwickelte  württembergische  Bauinwollweberei
  bedurfte  des  Schutzes.  Preußen  dagegen  hatte  einen  großen  steuerfähigen
Handel,  eine  starke  Einfuhr  aus  England  und  Holland  und  hatte  andererseits  eine
ausgedehnte  heimische  Industrie  zu  schützen.  So  wurden  bei  den  einleitenden  Verhandlungen ­
  von  den  Vertretern  der  süddeutschen  Regierungen  mehrfache  Anträge  auf
Ermäßigung  der  Zollsätze  für  Waren,  die  aus  der  Schweiz  rc.  eingingen,  beantragt:
Bayern  wünschte  im  Interesse  seiner  Brauereien  das  Rohkupfer  zur  Fertigung  der
Braupfannen  wohlfeiler  eingelassen;  besonders  aber  verlangten  Bayern,  Sachsen  und
Württemberg  eine  Erniedrigung  des  Twistzolles  von  2  Tlrn.,  da  in  ihren  Ländern
die  Gründe,  auf  denen  die  höhere  Besteuerung  dieses  wichtigen  Fabrikmaterials  in
Preußen  beruhte,  nicht  obwalteten.  Da  Preußen  aber  auf  diesen  Zoll  durchaus  nicht
verzichten  zu  können  glaubte,  so  gaben  die  übrigen  Staaten  nach  und  nahmen  dann
überhaupt  schließlich  den  erprobten  Preußischen  Zolltarif  mit  einigen  Tarifherabsetzungen ­
  für  Woll-  und  Baumwollwaren,  Südfrüchte,  Gewürze,  Schwefel,  Kupfer
und  Blei  vertrauensvoll  an.
Zu  diesen  materiellen  Bedenken  kamen  noch  politische  Schwierigkeiten  mancher
Art.  In  Württemberg  wie  in  Bayern  und  Sachsen  war  die  Stimmung  über  den
abzuschließenden  allgemeinen  Zollverein  sehr  geteilt  und  aufgeregt.  In  zahllosen
Adressen,  Zeit-  und  Flugschriften  stritt  man  lebhaft  über  die  Zweckmäßigkeit  der
Zollvereine  überhaupt,  über  die  Interessen  der  einzelnen  Lander  und  Stände,  über
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.