Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

ö.  Fürst  Bismarck  als  Handelspolitiker.

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und  hätte  er  weiter  die  Fäden  der  Weltpolitik  in  Händen  gehabt,  so  hätte  er  wahrscheinlich ­
  manche  seiner  Forderungen,  die  seinem  Amtsnachfolger  so  große  Schwierigkeiten ­
  bereitet  haben,  erheblich  herabgestimmt.  Es  lag  nicht  in  seiner  Natur,  ä  tont
prix  sich  auf  einen  prinzipiell  gewonnenen  Standpunkt,  den  autonomen  Tarif,  zu  versteifen. ­
  Nicht  darauf  kommt  es  an,  ob  wir  am  beweglichen  und  selbständigen  Tarif
festhalten,  oder  ob  wir  uns  für  Jahre  vertragsmäßig  binden,  sondern  darauf,  welche
Tarifsätze  hüben  und  drüben  für  uns  am  vorteilhaftesten  sind.  Die  Industrie,  die
jetzt  in  Deutschland  neben  der  Landwirtschaft  mindestens  gleichwertig  mitzusprechen
hat,  wünscht  in  erster  Linie  möglichste  Stetigkeit  in  ihren  handelspolitischen  Beziehungen ­
  zum  Ausland.  Die  industrielle  Entwickelung,  der  wir  unsere  zunehmende  Wohlhabenheit ­
  verdanken  und  damit  auch  die  Sicherheit  unserer  militärisch-politischen  Lage,
künstlich  wieder  zurückzudrängen,  heißt  einer  Utopie  nachjagen,  die  von  keinem  verständigen ­
  Menschen  ernst  genommen  werden  kann.  Die  rapide  Ausdehnung  der
deutschen  Manufakturen  ist  im  heutigen  Völkerkonzert  ein  machtgebietender  Faktor,
der  nicht  außer  Anschlag  gebracht  werden  darf.  Ihre  Größe  und  Leistungsfähigkeit
verdankt  sie  aber  in  erster  Linie  der  Bismarckianischen  Handelspolitik.  Diese  Tat
wird  ihm  nie  vergessen  werden.
Anmerkung.  Aus  dem  berühmten  Schreiben,  das  Fürst  Bismarck  unter  dem  15.  Dezember ­
  1878  an  den  Bundesrat  richtete,  mögen  nach  Bueck,  Der  Zentralverband  Deutscher
Industrieller  1876—1901.  1.  Bd.  Berlin,  I.  Guttentag,  1902.  S.  382—384  die  folgenden
charakteristischen  Stellen  hier  mitgeteilt  werden:
„Ich  lasse  dahingestellt,  ob  ein  Zustand  vollkommener  gegenseitiger  Freiheit  des  internationalen ­
  Verkehrs,  wie  ihn  die  Theorie  des  Freihandels  als  Ziel  vor  Augen  hat,  dem  Interesse
Deutschlands  entsprechen  würde.  Solange  aber  die  meisten  der  Länder,  auf  welche  wir  mit
unserem  Verkehr  angewiesen  sind,  sich  mit  Zollschranken  umgeben  und  die  Tendenz  zur  Erhöhung ­
  derselben  noch  im  Steigen  begriffen  ist,  erscheint  es  mir  gerechtfertigt  und  im  wirtschaftlichen ­
  Interesse  der  Nation  geboten,  uns  in  der  Befriedigung  unserer  finanziellen  Bedürfnisse ­
  nicht  durch  die  Besorgnis  einschränken  zu  lassen,  daß  durch  dieselben  deutsche  Produkte
eine  geringe  Bevorzugung  vor  ausländischen  erfahren.
Der  jetzt  bestehende  Vereinszolltarif  enthält  neben  den  reinen  Finanzzöllen  eine  Reihe
von  mäßigen  Schutzzöllen  für  bestimmte  Industriezweige.  .  .  .
Schutzzölle  für  einzelne  Industriezweige  aber  wirken,  zumal  wenn  sie  das  durch  die
Rücksicht  auf  den  finanziellen  Ertrag  gebotene  Maß  überschreiten,  wie  ein  Privilegium  und
begegnen  auf  Seiten  der  Vertreter  der  nicht  geschützten  Zweige  der  Erwersbtätigkeit  der  Abneigung, ­
  welcher  jedes  Privilegium  ausgesetzt  ist.  Dieser  Abneigung  wird  ein  Zollsystem  nicht
begegnen  können,  welches  innerhalb  der  durch  das  finanzielle  Interesse  gezogenen  Schranken
der  gesamten  inländischen  Produktion  einen  Vorzug  vor  der  ausländischen  Produktion  auf
dem  einheimischen  Markt  gewährt.  Ein  solches  System  wird  nach  keiner  Seite  hin  drückend
erscheinen  können,  weil  seine  Wirkungen  sich  über  alle  produzierenden  Kreise  der  Ration
gleichmäßiger  verteilen,  als  es  bei  einem  System  von  Schutzzöllen  für  einzelne  Industriezweige
der  Fall  ist.  Die  Minderheit  der  Bevölkerung,  welche  überhaupt  nicht  produziert,  sondern
ausschließlich  konsumiert,  wird  durch  ein  die  gesamte  nationale  Produktion  begünstigendes
Zollsystem  scheinbar  benachteiligt.  Wenn  indessen  durch  ein  solches  System  die  Gesamtsumme
der  im  Inlands  erzeugten  Werte  vermehrt  und  dadurch  der  Volkswohlstand  im  ganzen  gehoben ­
  wird,  so  wird  dies  schließlich  auch  für  die  nicht  produzierenden  Teile  der  Bevölkerung
und  namentlich  für  die  auf  festes  Geldeinkommen  angewiesenen  Staats-  und  Gemeindebeamten ­
  von  Nutzen  fein:  denn  es  werden  der  Gesamtheit  dann  die  Mittel  zur  Ausgleichung
von  Härten  zu  Gebote  stehen,  falls  sich  in  der  Tat  eine  Erhöhung  der  Preise  der  Lebensbedürfnisse ­
  aus  der  Ausdehnung  der  Zollpflichtigkeit  auf  die  Gesamteinfuhr  ergeben  sollte.
Eine  solche  Erhöhung  wird  jedoch  in  dem  Maße,  in  welchem  sie  von  den  Konsumenten  befürchtet ­
  zu  werden  pflegt,  bei  geringen  Zöllen  voraussichtlich  nicht  eintreten,  wie  ja  auch  umgekehrt ­
  nach  Aufhebung  der  Mahl-  und  Schlachtsteuer  die  Brot-  und  Fleischpreise  in  den
früher  davon  betroffenen  Gemeinden  nicht  in  einer  bemerkbaren  Weise  zurückgegangen  sind.
            
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