9. Die deutsche Handelspolitik unter dem Fürsten Vülow. 309
So haben auch die Nachfolger von Fürst Bismarck an dem Schutzzoll festge
halten und ihn entsprechend den jeweiligen wirtschaftlichen Forderungen und
politischen Strömungen gemindert oder verschärft. Dagegen trennten sich in der
Frage: Autonomer Zoll oder Handelsvertrag? die Wege. Fürst Bismarck glaubte die
deutschen wirtschaftlichen 'Interessen am besten wahrzunehmen, wenn er unter
Ausschluß von Handelsverträgen die ausländische Einfuhr mit einem Zoll belegte,
der ausschließlich den deutschen Forderungen entsprach. Durch die Meistbegünstigungs
klausel erlangte er für die deutsche Ausfuhr alle die Vorteile, welche die europäische
Staatengemeinschaftsich gegenseitig zugesichert hatte. Alle diese Verträge liefen aber am
1. Februar 1892 ab. Die Fortsetzung der Handelspolitik des Fürsten Bismarck, der 1890
abging, bedeutete demnach Sicherung des inneren Marktes, dagegen Versagung
jedes Schutzes für die deutsche Ausfuhr im Ausland. Die deutsche Volkswirtschaft
war aber seit 1880 mächtig erstarkt und drängte nach Ausfuhr. Sie verlangte den
Abschluß langfristiger Handelsverträge, ein jeder Handelsvertrag aber beruht im
Ausgleich gegenseitiger Interessen: für die Zollnachlässe, die wir dem Ausland be
willigen, können wir entsprechende für unsere Ausfuhr fordern. Graf Caprivi, der
1890 die Führung der Reichspolitik übernahm, verließ die Bahnen der Wirtschafts
und Handelspolitik des Fürsten Bismarck. Er suchte durch gemeinsam verabredete
und geschlossene Verträge die Politik des Dreibundes wirtschaftlich zu befestigen,
anderseits schloß er aber auch mit einer Reihe anderer Staaten langfristige Ver
träge ab. Unter Mäßigung des deutschen Agrarschutzes gelang es ihm, die deutsche
Ausfuhr günstiger als unter seinem Vorgänger zu stellen. Unter dieser Handels-
Vertragspolitik hat sich der deutsche Außenhandel ganz außerordentlich gehoben.
Deutschland trat in die Reihe der führenden Handelsstaaten ein, nur England blieb
ihm überlegen, während es in gleichen Maßen wie die Vereinigten Staaten von
Amerika seinen Außenhandel hob.
Im Reichstag wurde die Handelspolitik des Grafen Caprivi von den rechts
stehenden Parteien auf das heftigste bekämpft. Sein Nachfolger Fürst Vülow war
deshalb vor die Frage gestellt, ob er nach Ablauf der vom Grafen Caprivi ge
schlossenen Handelsverträge diese Politik beibehalten oder zur autonomen Zollpolitik
des Fürsten Bismarck zurückgreifen sollte. Er entschied sich für den Abschluß von
Handelsverträgen. Ehe er jedoch in Unterhandlungen mit den Nachbarstaaten eintrat,
suchte er durch eine Reform des Zolltarifs seine Waffen bei den Zollverhandlungen
zu schärfen. Der Deutsche Zolltarif baute sich damals auf dem Preußischen Handels
und Zolltarif von 1818 auf. Die große innere wirtschaftliche Entwickelung Deutsch
lands war spurlos an ihm vorübergegangen. Innerhalb dieses langen Zeitraums
hatte man da eine neue Position eingerückt, dort eine gestrichen. Es war ein durchaus
ansprechender Gedanke, gemäß unserer Technik und unserer wirtschaftlichen Syste
matik den Zolltarif von Grund aus neu zu gestalten. Gleichzeitig verband man
damit eine zollpolitische Maßnahme: die Einstellung von Maximal- und Minimal
sätzen bei den Getreidezöllen mit der Begründung: die Minimalsätze sollten aus
schließlich für die Einfuhr aus den vertragsabschließenden Staaten gelten. Nach
Kämpfen von einer Leidenschaft, wie wir sie in früheren Zeiten nicht kannten,
wurde im Reichstag in der Nacht vom 13. auf den 14. Dezember 1902 der neue
Zolltarif angenommen.
Der Zolltarif geht von folgenden Grundsätzen aus:
1. Rohstoffe und Hilfsstoffe sind zollfrei, wenn sie im Inland überhaupt nicht
oder nicht in genügender Menge hergestellt werden.
2. Gewerbliche Erzeugnisse, die zur Ausfuhr weiter verarbeitet werden, (Garne)
sollen durch den Zoll nicht so verteuert werden, daß ihre Ausfuhrfähigkeit leidet.