Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

11. Hermann Schulze-Delitzsch. 
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seiner Kunst, die Massen durch Wort, Schrift und Beispiel zur wirtschaftlichen Selb 
ständigkeit und zur eigenen Verwaltung ihrer Angelegenheiten zu erziehen. Weit 
größer als seine Talente war sein Charakter. Wohl hatte ihm die gütige Natur 
glückliche äußere Gaben, einen kräftigen Körper und klaren Geist, Sinn für alles 
Schöne und Edle, Phantasie und Beredsamkeit, Heiterkeit und Gewandtheit im Um 
gänge verliehen: aber sein Wissen war kein blendendes und leicht angeflogenes, 
sondern fleißig erarbeitet, und die Eigenschaften, die ihn zum großen Sozialreformer 
machten, entwickelten sich in ihm erst allmählich durch vielseitige Lebenserfahrungen 
und innere Kämpfe, in denen er die Überzeugung gewann, daß man, um die Massen 
auf höhere soziale Stufen emporzuheben, vor allem ihr Selbstgefühl und ihren brüder 
lichen Sinn wecken, zugleich aber ihnen selbst mit dem guten Beispiel der Opfer 
willigkeit, Enthaltsamkeit und Rührigkeit vorangehen müsse. Außerordentlich wichtig 
und entscheidend für das von ihm freudig übernommene Werk war es, daß er mitten 
in der Arbeit des Volkes aufgewachsen, anspruchslos und in kleinbürgerlichen Ver 
hältnissen erzogen, zugleich aber ideal angelegt, von einem tiefen Drange nach gemein 
nützigem Schaffen erfüllt war und sich durch Offenheit, Biederkeit und warme Men 
schenliebe die Herzen zu gewinnen wußte. Die besten Gedanken kommen aus dem 
Herzen, dringen zum Herzen und bringen erst dadurch Frucht für das öffentliche 
Leben. Schutzes schlichter Freiheits- und Bürgersinn entstammte dem Bewußtsein, 
daß er nichts Besseres sei als die Kleinbürger, mit denen er aufgewachsen war, und 
daß die erworbene höhere Bildung ihm nur die Pflicht gleich harter Arbeit und 
opferwilligen Dienstes im Interesse der unteren Klassen auferlege. Ein Grundzug 
seines geschlossenen Charakters war Strenge gegen sich selbst, die sich am schönsten in 
dem öffentlichen Danke offenbart, worin er es ablehnte, eine ihm gespendete National 
gabe von mehr als 150 000 M als freies Eigentum anzunehmen, und sich vorbehielt, 
sie in der Hauptsache zu einer Stiftung für öffentlich wirkende Männer zu verwenden. 
Er erklärte: 
„Wer ernste, oft schwere Forderungen an die Menschen zu stellen genötigt ist, 
von denen ihr Emporkommen abhängt, der soll diesen Maßstab auch an sich selbst 
legen. Den meisten Anklang, namentlich bei unsern Arbeitern, wird naturgemäß 
immer der finden, der seinen Unterhalt gleich ihnen aus seiner Arbeit zieht und in 
einer so wichtigen Beziehung mit ihnen auf gemeinsamem Boden steht. Diese meiner 
Lebensgewöhnung und Lebenshaltung entsprechende, mir lieb gewordene Stellung 
— ich darf wohl sagen die Frucht nachhaltiger Anstrengung, die mich deshalb mit 
einigem Selbstgefühl erfüllt — ist mit allen Wurzeln meines Seins und Tuns innig 
verwachsen." 
Schon wenige Tage nach Schutzes Tode hat die französische „Soeiötö d’dco- 
nomie politique in Paris in ihrer Sitzung vom 5. Mai 1883 in würdigster Weise 
unter dem Vorsitz von Löon Say des großen Toten gedacht. Nach dem Maiheft des 
»Journal ckogLoonomi.stss" heißt es in dem Sitzungsprotokoll u. a.: 
„Die Wissenschaft, welche keine Grenzpfähle kennt und über den politischen 
Zwisten steht, hat durch den Tod von Schulze-Delitzsch einen herben Verlust erlitten. 
Durch diesen großen gemeinnützigen Mann sind der Wissenschaft und der Menschheit 
die größten Dienste erwiesen worden. In beständiger Opposition gegen den So 
zialisten Lassalle hat Schulze-Delitzsch hauptsächlich die Vorzüge der Freiheit ge 
feiert und seine Theorien auch praktisch ausgeführt. Er wollte, daß die arbeitenden 
Klaffen die Besserung ihrer wirtschaftlichen und sittlichen Verhältnisse sich selbst, ihrer 
Sparsamkeit, ihrer Ausdauer, ihrer Arbeit, ihrer Solidarität verdanken sollten. Die 
auf Grund dieser Prinzipien erlangten Erfolge grenzen ans Wunderbare. Trotzdem 
hat Schulze-Delitzsch keinen materiellen Lohn für sein Wirken gewollt, stets in be 
scheidenen Verhältnissen gelebt und sich mit der inneren Genugtuung begnügt, das
	        
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